Philipp Jauernik ist Experte für Außenpolitik- undSüdosteuropafragen. Der Historiker ist außerdem Bundesvorsitzender derPaneuropajugend Österreich und Chefredakteur des Magazins "Couleur". 
- © Lahousse

Philipp Jauernik ist Experte für Außenpolitik- undSüdosteuropafragen. Der Historiker ist außerdem Bundesvorsitzender derPaneuropajugend Österreich und Chefredakteur des Magazins "Couleur".

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Der 9. November als Jahrestag des Falls der Berliner Mauer erinnert uns auch heute wieder daran, dass Friede, Freiheit und Gemeinschaft keine Selbstverständlichkeit sind. Unsere Generation ist gefordert, dies als geistiges Erbe und als Auftrag zu verstehen.

Unglaublich, wie sie auch heute noch bewegen, diese Bilder vom 9. November 1989 aus Berlin. Menschen, die einander um den Hals fallen und gemeinsam feiern. Die Emotionalität ist auch dann spürbar, wenn man nicht direkt betroffen scheint, also etwa als "spätergeborener" Österreicher. Wie viel stärker muss sie dann erst für die Bürger des über Jahrzehnte geteilten Berlin gewesen sein, die mit dem Mauerbau von jetzt auf gleich voneinander abgeschnitten waren?

Der Mauerbau läutete eine der kältesten Phasen des Kalten Krieges in Europa ein. Die Mauer spaltete nicht nur Ost- und West-Berlin, nicht nur das schon zuvor geteilte Deutschland, sie war auch eine Trennlinie durch Freundschaften, ja, durch Familien. Wer den sogenannten Tränenpalast am Berliner Bahnhof Friedrichstraße besucht, der heute eine sehr gut aufbereitete Gedenkstätte ist, kann die unglaubliche Trauer und Angst der Menschen, die hier nur mit Ausnahmegenehmigung und ohne Aussicht auf ein Wiedersehen kurz ihre Lieben treffen konnten, vielleicht in Ansätzen nachvollziehen. Erfassen kann man derlei in seiner Tiefe nie.

Ein Keil durch die Gesellschaft

Unvorstellbar ist für den Besucher die Grausamkeit des Regimes, das seine Untertanen (von Bürgern kann man in der DDR nicht sprechen, wenn man den Begriff im Sinne eines vollwertigen Mitglieds einer Gesellschaft interpretiert) auch seelisch drangsalierte. Erschütternd sind die Ergebnisse, die die Stasi-Aufarbeitungsstelle auch heute noch liefert. Die Methoden waren von brutal bis subtil mannigfaltig. So drang die Stasi etwa auch in Privatwohnungen ein, während die Bewohner nicht da waren, und verschob dort einzelne Möbel. Wer im Freundeskreis erzählt, man hätte ihm die Möbel verrückt, der wird schnell für psychisch krank gehalten. So trieb das Regime auf subtile, aber wirkungsvolle Art, auch einen Keil durch die Gesellschaft.

Die Zahl der Mauertoten, der Stasi-Häftlinge, der politisch Ermordeten - all das sind Fakten, die auch heute noch aufzuarbeiten sind. Täglich wird das Wissen mehr, täglich wird deutlicher, welche Grausamkeit dieses Unrechtsregime an den Tag legte. Umso erschreckender sind die Versuche der Verharmlosung. Besonders der Begriff "Unrechtsstaat" wird von Freunden des SED-Regimes in Zweifel gestellt. Sie argumentieren, es hätte ja Wahlen und Gerichte gegeben. Dabei wird verschwiegen, dass die Wahlen nur Show der Einheitspartei SED waren, dass die Gerichte selten unabhängig entscheiden durften und, was wohl entscheidend ist, dass es keinerlei Voraussetzungen brauchte, um von der Stasi verschleppt zu werden.