Rainer Stepan war enger Mitarbeiter von Alois Mock, Alfred Maleta, Josef Riegler, Ludwig Steiner von Andreas Khol, Studiendirektor und Tutor der Diplomatischen Akademie sowie mehr als 20 Jahre lang in der Metropolenaußenpolitik der Stadt Wien tätig. - © privat
Rainer Stepan war enger Mitarbeiter von Alois Mock, Alfred Maleta, Josef Riegler, Ludwig Steiner von Andreas Khol, Studiendirektor und Tutor der Diplomatischen Akademie sowie mehr als 20 Jahre lang in der Metropolenaußenpolitik der Stadt Wien tätig. - © privat

Diese Sorgen möcht' ich haben! Oder eigentlich nicht, denn sie zeigen, dass wir zwar geographisch in der Mitte Europas leben, aber tatsächlich in einem abgeschlossenen Tal ohne wesentlichen Kontakt nach draußen. Wir sind daher sehr klein gestrickt, engstirnig, neidig auf alles, was ein bisschen anders ist – mit einem Wort: sehr einfach. Aber wir haben ein riesiges Museum zu verwalten mit Inhalten, auf die wir angeblich stolz sind, aber die wir nicht verstehen – oder im Gegenteil gar nicht wollen, obwohl doch wollen, weil sie uns unglaublich viel Geld bringen und Menschen aus der ganzen Welt anziehen. Aber das hat alles nichts mit unserer kleinen, biederen, geistig-kulturell bescheidenen Gegenwart republikanischen Trotzes zu tun – auch wenn wir auf Nachfrage wahrscheinlich ins Stottern geraten, wenn wir gefragt werden, was denn dieses "Republikanische" ausmacht . . .

Dennoch, wenn von der Welt dort draußen eine Prinzenhochzeit oder ein Fürstenbegräbnis übertragen wird, dann sitzen wir alle fasziniert vor dem Bildschirm, weil das schon schön, erhebend ist und man sich ein bisschen hineindenkt: Wie wär’s, wenn man selbst dabei . . . ? Naja, aber nein, oder doch? 's wär' schon toll! – Nein, nein, ist ja nur ein unwirkliches Märchen, so wie’s in unserem übergroßen Museum auch dargestellt ist; aber man hat uns ja immer wieder gesagt, dass das ganz schlecht war und unsere große Zeit erst vor 101 Jahren begonnen hat; das war schon toll, ein bisschen Bürgerkrieg, dann durften wir sieben Jahre lang – wie hat ein Franz Werfel, noch aus unserem großen Museum kommend, gesagt – Urtiere sein, und als solche durften, nein, mussten wir auf Befehl des großen Führers Menschen, die nicht wirklich wertvolle, volle Menschen waren, schlagen, quälen, demütigen, schließlich töten – wie gesagt, natürlich nur auf Befehl! Wir haben ja dann nach dieser großen Zeit endlich wieder unseren Schrebergarten friedlich bebauen und beschaulich leben können, und jetzt geht’s uns doch ganz gut. Wir haben ja unser Museum, das bringt finanziell doch eine ganze Menge ein.

Aber was die Leut‘, die da staunend das anschauen, was angeblich so toll war – naja, sie zahlen, und das ist wichtig; aber man hat uns eben in diesen vergangenen 101 Jahren immer gesagt, dass das in Wirklichkeit nicht gut war, da waren wir nur böse unterdrückt! Jetzt gibt es da ein paar Leute, deren Groß-, Urgroß- und Ururgroßväter das da gemacht haben, ermöglicht haben, was da im Museum ausgestellt ist, und die wollen so angesprochen werden wie jene, die wir auf dem Bildschirm so gerne sehen. Aber das wollen wir gar nicht, unsere Dorfverfassung, die vor genau 100 Jahren beschlossen worden ist, verbietet das. Was glauben die eigentlich? Das geht in unserem Dorf sicher nicht!

Aber wir freuen uns schon, wenn da Leute ins Tal kommen, die wir schon einmal im Fernsehen gesehen haben, also Leute wie die wenigen, die es da bei uns noch gibt, die so ähnlich angesprochen werden wollen und so ähnliche Bezeichnungen haben, was natürlich verboten ist. Aber die anderen von draußen – schön angezogen, elegant, schon sehr würdig, wie sie da so schreiten – geben unserem Tal, unserem Dorf schon ein eigenes Flair, wie wir das nicht alle Tage haben. Das zeigt, dass wir schon wer sind, das zeichnet uns aus.

Prälat Ignaz Seipel hat schon in den Zwanzigerjahren sinngemäß gemeint, es könne doch nicht die Aufgabe des Österreichers – mit dieser Vergangenheit – sein, sein kleines Gärtchen schön zu bebauen und gegen Entrée den Fremden zu zeigen. Was tun wir seit 1945? Wir wollen auch nur Besucher, die Geld dalassen, aber nicht solche, die barfuß kommen und uns aus dem schönen Garten was wegnehmen wollen! Die haben es ja nur auf unsere Früchte abgesehen, über die sie ja schon in Afghanistan oder in Afrika voll informiert waren, deshalb sind sie ja dahergekommen! So einfach geht das aber nicht. Wir wollen in unserem Tal schon unter uns bleiben und Gott behüte, alle ohne den kleinsten Unterschied, sei’s auch nur das Wörtchen "von"! Wir haben uns ja alle den kleinen Garten mit dem großen Museum hart erarbeitet und sind Hofrat, Obersenatsrat, Amtsdirektor, Sektionschef, Studiendirektor etc. geworden – alles natürlich durch eigenen Fleiß!