Mit einem Ethik-Zitat von Max Weber hat diese Woche der grüne Bundessprecher Werner Kogler die Philosophie zurück in die Politik geholt. Dies ist umso bemerkenswerter, weil Webers Rede "Politik als Beruf" vor hundert Jahren in einer Buchhandlung in München vor Studenten gehalten wurde. Es war ein Plädoyer für die Erneuerung, aber gegen den Radikalismus.

Der alte Linke Max Weber . . . - © "Die Woche"/U. Hertwig
Der alte Linke Max Weber . . . - © "Die Woche"/U. Hertwig

Wer mithilfe der Philosophie Phänomenen näherzukommen sucht, die noch einmal grausamer sind als die Schrecken des Klimawandels, die Frauenmorde in Niederösterreich oder die Europäisierung der privaten Kellergefängnisse, wird relativ rasch das Scheitern bemerken. Oder gelingt es mithilfe der Literatur? Wie es die französische Anwältin Hannelore Cayre (ihr Vorname stammt von ihrer Wiener Mutter) versucht, indem sie die letzten Dinge schildert: "Einerseits liebt das illegale Geld den Schatten, und den gibt es am Rand der Autobahnen im Überfluss. Andererseits ist der Boden neben den Highways billig, die schnell errichteten Quartiere schaffen einen eigenen Menschenschlag. Die Bewohner verstummen bei Tisch mit erhobenen Gabeln, wenn sie das Kreischen von Reifen hören. Sie vernehmen absonderliche Geräusche von zermalmtem Schrott. Dann folgt eine merkwürdige Stille, eine eigene Disziplin des Totengeläuts, der sich die Autofahrer unterwerfen, während sie im Schritttempo am Gemisch aus Fleisch, Metall und Plastik vorüberfahren."

. . . und der neue Rechte Marc Jongen. - © CC/Thomas Maier
. . . und der neue Rechte Marc Jongen. - © CC/Thomas Maier

Warum soll dann die Politik es schaffen, nicht beim Zitat stecken zu bleiben, sondern unter Einsatz von Literatur, Kunst und Philosophie die Welt tatsächlich zum Besseren zu wenden? Ein häufiges Thema der politischen Philosophie ist das von Herrschaft und Führung. Platons Forderung, die Philosophen sollten diese Aufgabe übernehmen, denn nur sie selbst wüssten am besten, wie ein Staat zu regieren sei, hat nicht lange gehalten, weil Philosophen zu wenig oder gar nicht mit der Praxis vertraut sind.

Gerfried Sperl war von 1992 bis 2007 Chefredakteur des "Standard". Er gibt die Booklet-Reihe "Phoenix" heraus. - © apa/Hbf/Dragan Tatic
Gerfried Sperl war von 1992 bis 2007 Chefredakteur des "Standard". Er gibt die Booklet-Reihe "Phoenix" heraus. - © apa/Hbf/Dragan Tatic

Weber hat (freilich knapp nach dem Ersten Weltkrieg) die Vorstellung propagiert, in der parlamentarischen Demokratie die Führung gewählten charismatischen Herrschern anzuvertrauen. Kogler hat diesen Teil der Rede Webers jedoch ausgelassen. Er konzentrierte sich auf Verantwortungsethik, um einen politischen Kompromiss der Grünen mit der ÖVP philosophisch abzusichern.

Fast vergessene politische Vordenker und Vorkämpfer

Deren Chef Sebastian Kurz surft auf der Welle seines Wahlerfolgs und erspart sich Begründungen für Türkis-Grün mit dem Ziel, "was gut ist für Österreich". Die Volkspartei hat seit ihrer Gründung 1945 nie mit einem philosophischen Hintergrund gearbeitet - außer mit den christlich-sozialen Grundsätzen des ÖAAB. Die aber sind in den vergangenen vierzig Jahren fast verschwunden und durch die neoliberale Politik, orientiert an Margaret Thatcher, überlagert worden. Der Arbeitnehmerflügel bezieht seinen Einfluss noch aus der Stärke des ÖVP-Lehrerbundes. Namen wie Karl von Vogelsang (1818 bis 1890) kennen junge ÖVPler nur wegen des Sitzes der Parteiakademie, nicht aber wegen des Sozialreformers Vogelsang, der heute ein isolierter Linker in der Volkspartei wäre. Dass der aus Norddeutschland nach Wien gezogene Konvertit für die Arbeiterschicht Sonntagsruhe, Krankenversicherung und Arbeitszeitbegrenzung durchgesetzt hat, ruht in den Büchern der Geschichte.