Wenige Tage nach ihrer öffentlichen Vorstellung wurde die Feedback-App "Lernsieg" schon wieder vom Netz genommen. Die Initiatoren hatten deutlich gemacht, dass damit jeder alle Lehrer ab der Sekundarstufe I beurteilen konnte, der Zugang zum Bewertungsformat verlangte lediglich die Angabe einer Telefonnummer. So hätte jeder (!) - auch Nicht-Schüler - irgendwelche Lehrpersonen beurteilen können.

Ernst Smole war Berater der Bildungsminister Fred Sinowatz, Herbert Moritz und Helmut Zilk. In der vergangenen Legislaturperiode war er als Referent in den Budget- und Unterrichtsausschuss zu den Themen Bildungsfinanzierung, Inklusion, Schulautonomie und Politische Bildung geladen und koordiniert den "Unterrichts:Sozial:Arbeits- und Strukturplan für Österreich 2015 - 2030" (www.ifkbw-nhf.at). - © privat
Ernst Smole war Berater der Bildungsminister Fred Sinowatz, Herbert Moritz und Helmut Zilk. In der vergangenen Legislaturperiode war er als Referent in den Budget- und Unterrichtsausschuss zu den Themen Bildungsfinanzierung, Inklusion, Schulautonomie und Politische Bildung geladen und koordiniert den "Unterrichts:Sozial:Arbeits- und Strukturplan für Österreich 2015 - 2030" (www.ifkbw-nhf.at). - © privat

Der Erfinder der App sah "keine Gefahr des Missbrauchs, weil alle Personen, die mit Schule zu tun haben, verantwortungsvolle Menschen sind". Ja - aber es hätten eben auch Telefonbesitzer bei der digitalen Lehrerbeurteilung mitmachen können, die keinen Bezug zur Schule haben - so wie bei den von Printmedien durchgeführten "Wahlen" etwa des beliebtesten Schwammerlsuchvereins, der aktivsten Spinnrunde oder der wildesten Perchtentruppe.

"Feedback ist Fitback" - so lautet eine unter aufgeschlossenen Lehrpersonen verbreitete Einstellung. Doch ein Feedbacksystem, das Shitstorms ermöglicht und dabei in Zeiten massiver Glaubwürdigkeitsprobleme der Sozialen Netzwerke auf das "Verantwortungsbewusstsein" anonymer Nutzer setzt, ist unverantwortlich naiv. Entgegen den Beteuerungen der App-Betreiber wäre dem Lehrerbashing trotz ausschließlicher Beurteilung durch Sternchen und fehlender Möglichkeit, Texte zu posten, Tür und Tor geöffnet gewesen: Man hätte etwa Angehörige und Bekannte dazu motivieren können, einen bestimmten Lehrer, den man nicht mag, in allen Punkten mit nur einem Sternchen - also einem "Nicht Genügend" - zu beurteilen.

Die "Öst. k.k. Schulverfassung" forderte anno 1840 Oberlehrer auf, "von den Lehrergehülfen etwas Gutes zu lernen". - © Archiv
Die "Öst. k.k. Schulverfassung" forderte anno 1840 Oberlehrer auf, "von den Lehrergehülfen etwas Gutes zu lernen". - © Archiv

Es gibt Feedbacks, die bei optimaler Durchführung tatsächlich werthaltig sind, wie das vertrauliche Feedback von Lehrern, die einander im Unterricht besuchen. Der Bildungsforscher John Hattie hält Schülerfeedbacks etwa 15 Jahre nach Schulaustritt für maximal aussagekräftig - der Zorn ist verraucht, Idealisierungen sind verblasst. Freilich gibt es Lehrer, die einander lediglich positive Feedbacks geben und dabei Negatives ausklammern, weil sie ja gut miteinander auskommen wollen. Genau dies ist aber der falsche Weg. Die höchste Kunst von Lehrern ist es, auch unangenehme Fakten den Schülern menschenzugewandt, aber unmissverständlich und motivierend näherzubringen. Für eine künftige werthaltige Lehrerbildung bedeutet dies: Kommunikation, Kommunikation und nochmals Kommunikation.

Feedbacks für Lehrer sind übrigens keine Neuerfindung - bereits 1840 hat die "Öst. k.k. Schulverfassung" die Oberlehrer aufgefordert, "von den Lehrergehülfen etwas Gutes zu lernen" - eine staatliche Aufforderung zum Feedback "von unten nach oben", und das ein knappes Jahrzehnt vor dem Revolutionsjahr 1848! Solche und auch optimal gestaltete schulinterne Feedbacks durch Schüler werden zu hilfreichen "Fitbacks" - die gut gemeinte App hätte das wohl nicht geschafft. Ihr Initiator wurde mit Hassmails überzogen. Woher kommen diese? Vorsicht mit Verdächtigungen ist angesagt, denn nicht immer sind in solchen und ähnlichen Fällen die vermuteten "logischen Täter" auch die tatsächlichen.