Wenn ein ausgewiesener Personalberater den Kandidaten für ungeeignet und ein Investmentprofi ihn als "durchwegs inkompetent" einstuft, dann müssten Finanzminister und Casinos-Aufsichtsrat "Nein" sagen. Denn als einzige Qualifikation bleibt die Partei übrig, im Fall Peter Sidlos war das die FPÖ. Das "moderne Österreich" von Türkis-Blau hat sich somit zurückverwandelt in die alte Bananenrepublik, als Reden und Tun zwei ganz verschiedene Praktiken waren - und nach Phasen der Veränderung wieder sind.

"Österreich heute: Der langjährige sozialistische Generaldirektor des Verbund-Konzerns geht in Pension und wird Aufsichtsratspräsident der staatlichen Creditanstalt-Bankverein. Der bisherige sozialistische Aufsichtsratspräsident der CA-BV wird dafür Vizepräsident der Nationalbank mit fetten Millioneneinkünften und einer Aufgabe, deren kargen Tätigkeitsumfang schon sein Vorgänger durch ausgedehnte Bergwanderungen und Skitouren auszugleichen trachtete . . . Aufschlussreich ist, dass diese Umzüge der Proporzritter im Stillen stattfinden . . . Und doch hat man das Empfinden, eine Ära gehe zu Ende . . . Noch einmal wollen die Systemerhalter ihre Macht auskosten und den Bürgern klarmachen, dass ohne Beziehungen und ohne Parteibuch in diesem Österreich niemand eine Chance hat." Der dies schrieb, war Jörg Haider. Das Buch, in dem diese Zeilen stehen, erschien 1993 im deutschen Ullstein Verlag unter dem Titel "Die Freiheit, die ich meine".

Gerfried Sperl war von 1992 bis 2007 Chefredakteur des "Standard". Er gibt die Booklet-Reihe "Phoenix" heraus. - © apa/Hbf/Dragan Tatic
Gerfried Sperl war von 1992 bis 2007 Chefredakteur des "Standard". Er gibt die Booklet-Reihe "Phoenix" heraus. - © apa/Hbf/Dragan Tatic

Haider stach in ein Wespennest. Durch das Rundfunk-Volksbegehren war 1964 ein erster Aufbruch gelungen. Die nach dem Vorbild der verstaatlichten Industrie fast ausschließlich von ÖVP und SPÖ besetzten Senderposten gehörten der Vergangenheit an, Gerd Bacher und Chefredakteure wie Hugo Portisch ("Kurier") und Fritz Csocklich ("Kleine Zeitung") sorgten für weitgehend unabhängige (in den Nachrichtenkanälen freilich bürgerliche) Sichtweisen. Dieser Gewaltakt, den Kanzler Bruno Kreisky Anfang der 1970er Jahre wieder abschwächte, blieb jedoch auf der Tagesordnung und lockerte den Zugriff der Großparteien auf Staatsbetriebe und Wohnungswirtschaft. Die gleichzeitig ausgelöste Bildungsoffensive mit den Gratisschulbüchern oder der Abschaffung der AHS-Aufnahmetests und die Stützung unverheirateter Frauen und Mütter führten sukzessive zur Multiplikation einer gebildeten Mittelschicht, die den Druck auf die verfilzten Parteistrukturen massiv erhöhte. Die zarten Auswirkungen der 1968er-Rebellion führten zu den ersten Bürgerinitiativen und das "Recht auf den eigenen Bauch" dazu, dass immer mehr Frauen nicht mehr so wählten wie ihre Partner.