Jetzt hat sie es doch getan. Nachdem es den Anschein hatte, als wäre die kurze Debatte um die von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen geplante Umbenennung des EU-Ressorts für Migrations- und Asylagenden in "Schutz der europäischen Lebensweise" nach ein paar Schlagzeilen und Kommentaren endgültig und spurlos verebbt, beschloss die designierte EU-Präsidentin eine Änderung: Das Ressort erhält nun den Titel "Förderung der europäischen Lebensweise". Auch die vormals kritischen EU-Fraktionen sind damit zufrieden - Förderung statt Schutz suggeriere nun nicht mehr eine Bedrohung Europas durch Migration, und an den positiven Werten der EU herrsche ja kein Zweifel.

Mit gesellschaftlichen Werten ist das allerdings so eine Sache: Als Vorgaben auf dem Papier stoßen sie auf allgemeine Akzeptanz. Für das Gute und gegen das Böse zu sein, ist mehrheitsfähig. Haarig wird es freilich bei der Frage nach der Praxis. Denn ganz ehrlich: Inwieweit lassen sich heute konkrete machtpolitische Strategien und damit verwobene gesellschaftliche Praxen und Lebensweisen durch hehre Werte legitimieren? Eine solche argumentative Verbindung kann mitunter gewaltige inhaltliche Verrenkungen erfordern, die nur mit blickdichten Scheuklappen gelingen.

Brita Krucsay ist Soziologin. - © privat
Brita Krucsay ist Soziologin. - © privat

Eine Themenverfehlung

Wenn also die im Vertrag von Lissabon festgeschriebenen Grundwerte der EU - "Achtung der Menschenwürde, Freiheit, Demokratie, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit und Wahrung der Menschenrechte einschließlich der Rechte der Personen, die Minderheiten angehören" - herangezogen werden, um die neue Ressortbezeichnung zu legitimieren, klingt das zwar gut, ist aber eine Themenverfehlung. Denn gefördert werden sollen nicht die "europäischen Werte", sondern die "europäische Lebensweise". Europäische Lebensweise? Dirndl, Salami, Sangría - oder geht’s da um etwas anderes? Ja, allerdings: Die Lebensweise umfasst die Gesamtheit der Verhältnisse, in denen eine Gesellschaft ihre Produktion und ihren Konsum organisiert. Und dementsprechend konfrontieren Migration und Flucht die EU auch mit der unangenehmen Tatsache, dass deren Reichtum auf der Ausbeutung von Mensch und Natur beruht - und dass die Auslagerung der damit verbundenen Probleme an ihre Grenzen gerät. Die europäische Lebensweise ist weltweit nicht verallgemeinerbar - sie ist eine imperiale Lebensweise.

Magdalena Heuwieser hat Internationale Entwicklung studiert. - © Paco Yoncaova
Magdalena Heuwieser hat Internationale Entwicklung studiert. - © Paco Yoncaova

So etwa importiert Europa ein Viertel aller landwirtschaftlichen Rohstoffe aus illegaler Entwaldung des Regenwaldes, davon 27 Prozent der gesamten Sojabohnen, 18 Prozent des gesamten Palmöls, 15 Prozent des gesamten Rindfleischs und 31 Prozent des gesamten Leders. Zur Veranschaulichung: Alle zwei Minuten wird für den europäischen Markt die Fläche eines Fußballfeldes vernichtet. In Relation zur Bevölkerungsgröße hat Europa damit pro Person den weltweit größten Anteil an der Abholzung des Regenwaldes.