Wer hat nicht von seiner Großmutter das Gebot mitbekommen: "Brot wirft man nicht weg!" Brot steht für Lebensmittel. Für die Ernte. Für das, was wir vom Schöpfer bekommen und nicht selber "machen" können. Am Erntedankfest erinnern wir uns Jahr für Jahr an dieses Geschenk der Schöpfung.

Martin Rupprecht ist Pfarrer der Pfarre Hildegard Burjan in Wien. - © Erwin Gruber
Martin Rupprecht ist Pfarrer der Pfarre Hildegard Burjan in Wien. - © Erwin Gruber

Als Bauernkinder gab es für meine Geschwister und mich keine Ferien im Sinne einer freien Zeit. Wir waren auf dem Feld, bei der Aussaat des Getreides und der Kartoffeln. Im Herbst dann die Erntezeit. Stress pur. Heute sagen noch die Nachbarn: "Ihr seid als Kinder nie über den Hof gegangen, immer gelaufen." Wenn die Wolken Regen brachten, dann schnell, schnell noch eine Fuhre Getreide einholen, noch einen Wagen voll Kartoffeln in die Scheune bringen, sonst ist ein Teil nass, verdorben. Beim schnellen Fahren fiel viel vom Wagen herab, oder die Gerste rieselte durch die undichten Seiten. Dann kam zuhause der Staub des Gebläses, damit die Körner trocken in den Speicher kamen. Eine einzige Plagerei.

Wer auf einem Bauernhof gelebt hat, weiß, dass es dort nicht nur nostalgisch, romantisch zugeht. Knochenharte Arbeit Tag und Nacht und das schmerzhafte Zusehen, wie manches von der Frucht des Feldes verdirbt, verloren geht oder einfach auf dem Feld liegen bleibt. Ein Bauernkind lernt das hautnah kennen, darum versteht es am besten die Großmutter mit dem Appell: "Wirf kein Brot weg!"

Bewusster Fleischverzehr

Das ist der eine Teil der Geschichte. Der andere beginnt montags um 5 Uhr morgens. Jeden Montagmorgen. Noch lagen wir als Kinder im Bett, da hörten wir schon die aufgehenden Tore des Tierstalles. Der Metzger war da! Das übliche Abholen von zwei Schweinen. Sie gingen nie freiwillig auf den Autoanhänger. Es war ein Ziehen und Drücken, begleitet vom Kreischen, von der Todesangst. Instinktiv ahnten die Schweine, dass es die letzte Fahrt werde. Zum Schlachthof.

Wir Kinder hatten schon die Geburt dieser Schweine erlebt; sie als Ferkel gepflegt; täglich nachgesehen, ob sie nicht froren. Manchen hatten wir Namen gegeben. Im Sommer machten wir uns einen Spaß und ließen sie in den Hühnergarten, wo wir Wettrennen mit ihnen veranstalteten. Zu Weihnachten streuten wir ihnen Salz in den Futtertrog, "damit sie auch merken, dass der Heiland geboren ist", gab uns Oma den Auftrag dazu. Ehe wir uns versahen, waren sie groß. Als Jugendliche ließ uns Vater dann schätzen, ob sie genug Kilo fürs Schlachten hatten: "Da oben auf dem Rücken musst hingreifen, dann spürst, ob es schon genug Fleisch hat." Montagmorgen, 5 Uhr: Das Schreien, das Gekreische, das Jammern der Schweine, das war der Wecker für uns Kinder.

Wenn ich heute ein Schnitzel esse, dann weiß ich um das Leben dahinter; es hat für mich gelebt. In vielen Kulturen wird Gott um Vergebung gebeten, bevor das Messer in die Gurgel schneidet. Ich bin kein Vegetarier geworden, aber vorsichtig im Verzehr von Fleisch. Je älter ich werde desto weniger verlange ich danach.

Meiner Großmutter möchte ich antworten: "Oma, wir halten das aus, wenn ein bisschen Getreide verloren ist, auch wenn es schon Brot ist. Das viele Fleisch aber, das so übertrieben auf den Tisch kommt, das so maßlos, so billig angeboten wird, das tut weh!"

Was hat das mit Weihnachten zu tun?

Im östlichen und orthodoxen Christentum wird im Advent streng gefastet. In der Zeit vor Weihnachten werden keine tierischen Produkte mehr gegessen. Also veganes Essen. Warum? Im Buch des Propheten Jesaja im Alten Testament steht, dass der Frieden dann beginnt, wenn der Wolf beim Lamm und der Panther beim Böcklein ruht, wenn sogar der Bär mit der Kuh spielen kann. Es ist ein Traum vom Frieden. Kein Leben wird mehr zerstört, auch nicht das der Tiere.

Den Advent nicht als Festzeit sehen, sondern als Zeit der Vorbereitung

Zu Weihnachten erinnern wir uns an das Kommen dessen, der diesen Frieden bringen wird. Viele Anstrengungen sind notwendig, um seine Ankunft zu ermöglichen. Der Dichter Angelus Silesius hat das Wort geprägt: "Wär' Jesus tausendmal zu Bethlehem geboren, doch nicht in dir: Du bliebst noch ewiglich verloren." Die Frage ist also, wie wir uns vorbereiten, wie Jesus in uns geboren werden kann. Ich meine, dass der erste Schritt dazu ist, den Advent nicht schon als eine Festzeit, sondern als eine Zeit der Vorbereitung zu sehen. Nach alter Tradition also eine Zeit des Fastens.

Während in den östlichen Ländern das gemeinsame Fasten üblich ist, sind wir im Westen zu einer eher individuellen Entscheidung übergegangen. Ob das eine oder das andere, es ist eine schwierige Entscheidung, die niemand von außen vorschreiben kann. Meistens ist der Vorsatz auch schwer durchzuhalten. Aber gerade damit wird die Zeit so intensiv. Bitte, machen Sie aus dem Advent noch keine Festzeit. Wenn das Fest schon jetzt ist, was sollten wir dann noch erwarten?