30 Jahre erscheinen im historischen Maßstab als eine kurze Zeitspanne, und zugleich umfassen sie eine ganze Generation. Für die jungen Menschen von heute sind der Fall der Berliner Mauer und das Verschwinden des Eisernen Vorhangs geschichtliche Daten. Wir, die wir damals die Implosion des "realen Sozialismus" hautnah an der Grenze erlebt haben, waren damals kaum älter als die heutigen 30-Jährigen. Heute wie damals organisieren wir, der Anglist Tomá Pospííl, heute Vizedekan, und ich, derzeit Gastprofessor an der Masaryk-Universität in Brünn, eine Konferenz zum Thema Grenze und Nachbarschaft: Feierlich nachdenken.

Ich weiß genau, wo ich vor fast genau 30 Jahren war: in der mir damals völlig fremden Stadt Brno (Brünn), wo meine Frau und ich uns auf die Suche nach dem örtlichen Streikkomitee an der dortigen Universität begaben. Binnen weniger Tage hatten die Straßen im Zentrum schon neue oder auch ihre alten Namen bekommen, sodass wir die hilfsbereiten Menschen in der Straßenbahn brauchten, um in die Arne Novaka zu gelangen. Binnen zwei Wochen organisierten wir in der Mehrzweckhalle in Langau eine Solidaritätsveranstaltung, an der rund 500 Menschen teilnahmen. Offenkundig war die Situation so spannend und erwartungsvoll, dass wir alle vergaßen, das Ereignis fotografisch und filmisch festzuhalten. Insofern sind die ersten Treffen in Langau und Drosendorf unterhalb der historischen Beobachtungsschwelle verlaufen. Aber das hat womöglich den Vorteil, dass die daraus entstandenen Beziehungen und Netzwerke ohne politisches Getöse zu reaktivieren sind.

Ungleichzeitige und unvereinbare Erfahrungen

Wolfgang Müller-Funk ist Literatur- und Kulturwissenschafter. Er lebt in Drosendorf und Wien und ist (Mit-)Organisator des internationalen Symposions "30 Jahre Grenze und Nachbarschaft", das vom 5. bis 7. Dezember in Drosendorf und afov stattfindet. Info: www.drosendorf.at/veranstaltungen/30-jahre-grenze-und-nachbarschaft-2 - © privat
Wolfgang Müller-Funk ist Literatur- und Kulturwissenschafter. Er lebt in Drosendorf und Wien und ist (Mit-)Organisator des internationalen Symposions "30 Jahre Grenze und Nachbarschaft", das vom 5. bis 7. Dezember in Drosendorf und afov stattfindet. Info: www.drosendorf.at/veranstaltungen/30-jahre-grenze-und-nachbarschaft-2 - © privat

Der verstorbene Schriftsteller und Diplomat Jiří Grua hat vor rund zehn Jahren davon gesprochen, dass die Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern niemals besser gewesen seien als heute. Diese mit leisem, ironischem Unterton vorgebrachte These stimmt auch heute noch. Zu bedenken bleibt freilich, dass diese Beziehungen im kurzen 20. Jahrhundert mitunter unterkühlt und feindselig waren. Insofern sind die Anstrengungen der Wissenschaften von Geschichte, Literatur und Kultur, auch wenn sie ebenfalls oft unterhalb der Beobachtungsschwelle verbleiben, von nicht zu unterschätzender Bedeutung, wird hier doch ein Dialog über Geschichte und Geschichten aufgenommen, die uns gemeinsam sind, auch wenn wir sie nicht selten unterschiedlich bewerten. Eine Geschichte zu erzählen, bedeutet nämlich stets auch, sie aus dem jeweiligen historischen, kulturellen und politischen Kontext zu interpretieren.

Es gibt so etwas wie eine Ungleichzeitigkeit und Unvereinbarkeit von Erfahrungen, diese trennen Österreicher und Tschechen. Wir haben die Zeiten unserer ersten beiden Republiken verschieden wahrgenommen, zwischen 1938/39 und 1945 standen einander die Bevölkerungen vielfach als Täter und Opfer gegenüber: Auf die Okkupation und Zerschlagung der Tschechoslowakei erfolgte die Vertreibung der altösterreichischen Bevölkerung, der Odsun. Danach haben die beiden Länder, nicht ganz freiwillig, verschiedene politische Wege eingeschlagen.

Unsere Beziehungen waren noch nie so gut wie heute, aber damit sollten wir uns nicht zufriedengeben. Sie könnten noch entschieden produktiver sein. Zudem besteht die Gefahr, dass der Nationalismus, der auf beiden Seiten wieder erwacht, die Nachbarn wieder in die Ferne rücken könnte. Historisch ist noch unerprobt, wie weit Nachbarschaft zwischen modernen Nationalstaaten gehen kann.

Europa spielt dabei eine entscheidende Rolle. Europa ist nämlich nicht allein Brüssel - Europa, das sind auch die Binnen- und Außengrenzen, die darüber entscheiden, wie wir zusammenleben. Insofern besitzen Drosendorf und das gegenüberliegende Schaffa (afov), in dessen jüdischem Ortsteil Franz Kafkas Freund Ludwig Winder geboren wurde, eine feinsinnige europäische Bedeutung.

Das deutsche Wort "teilen" hatte eine doppelte Bedeutung, die hier von ganz besonderer Bedeutung ist. "Teilen" verweist eben nicht nur auf die Situation des Getrennt-Seins, sondern auch auf die Möglichkeit des fairen und gemeinsamen Miteinanders. Wenn wir also in diesem Sinne die Grenze teilen, könnte das zu einer ganz neuen Form von Nachbarschaft führen.