Seit nunmehr 2015 gebe ich den "Europäischen Islamophobiebericht" heraus. Zustande gekommen ist er, wie oftmals im Leben, durch Zufälle. Ich sitze mit einem ehemaligen Studienkollegen, der mittlerweile für die Deutsch-Türkische Universität und die Denkfabrik SETA arbeitet, und wir reden über mögliche Projekte. Ein offenes Brainstorming führt zu einem Projektvorschlag von mir, der ein halbes Jahr später akzeptiert wird. Mein Mitherausgeber und ich schreiben das Projekt öffentlich aus und rekrutieren europaweit Wissenschafterinnen und Wissenschafter sowie NGO-Aktivistinnen und -Aktivisten aus der Antirassismusarbeit. 39 Autorinnen und Autoren haben an dem Bericht von 2018 mitgearbeitet, der mit mehr als 100.000 Euro von der EU finanziert wurde. Wie die Anfragen des Rechtspopulisten Geert Wilders an das niederländische Parlament, der Partei "Die Linke" an den deutschen Bundestag sowie von Lukas Mandl (ÖVP) an das Europäische Parlament zeigen, sind die Förderungen korrekt gehandhabt worden.

In einem Offenen Brief an die neue EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen meinen nun 13 Personen, die Förderung des "Europäischen Islamophobieberichtes" sei "demokratiepolitisch gefährlich". Es verwundert wenig, dass die im Bericht kritisierten Personen, statt ihre Rolle in einem zusehends antimuslimisch-rassistischen Diskurs zu reflektieren, sich angegriffen fühlen. Was sie jedoch an "Argumenten" bringen, ist fraglich.

Falsche Behauptungen

Zum einen werden falsche Behauptungen aufgestellt: Nirgends werden diese Personen dafür kritisiert, weil sie angeblich die türkische Regierungspolitik kritisieren. Sie werden nicht "denunziert". Sie werden lediglich für ihre Produktion und Reproduktion von anti-muslimischem Rassismus kritisiert. Dabei greift der Einwand zu kurz, in einen Topf mit Rechtsradikalen geworfen zu werden. Es ist völlig unerheblich, ob jemand aus völkisch-rassistischen oder säkularen Positionen heraus eine Ungleichbehandlung von MuslimInnen fordert oder unterstützt. Solange eine einzige Gruppe im Fokus der öffentlichen Debatte steht und ihre Ungleichheit das Ziel diskrimierender Politiken ist, solange bleibt Ungleichheit eben Ungleichheit. Dies stellt den Kern meiner Kritik dar: Für die Ausgegrenzten und Diskriminierten ist der ideologische Ursprung ihrer Ungleichbehandlung irrelevant. Erst wenn wir Rassismus nicht lediglich als persönliche Einstellung oder einzelne Vergehen verstehen, sondern als strukturelle Frage thematisieren, können wir sinnvoll über Islamophobie sprechen.