Zum 30. Jahrestag wurde heuer des Falls der Berliner Mauer im Herbst 1989, des Endes der Nachkriegsordnung bis hin zur dann folgenden Wiedervereinigung Deutschlands gedacht. Eine wesentliche Voraussetzung für diesen epochalen Umbruch war die in der DDR sich über das ganze Jahr 1989 entwickelnde Friedliche Revolution, die mit ihren Woche für Woche zunehmenden gewaltlosen Massendemos die 40 Jahre dauernde SED-Diktatur in die Knie zwangen. Die vor allem in Leipzig entstandene Bürgerprotestbewegung, die Repressalien und massiven Drohungen des Regimes mit Mut, Engagement und konsequenter Gewaltlosigkeit trotzte und schon einen Monat vor der Öffnung der Mauer den überraschenden Durchbruch schaffte, hat Leipzig dann den Ehrentitel "Heldenstadt" eingebracht.

Eine, die in der Leipziger Bürgerrechtsbewegung von Anfang an dabei war, ist Gesine Oltmanns, damals 24 Jahre alt, seit 1987 in Menschenrechtsgruppen engagiert und heute noch im Vorstand der Stiftung "Friedliche Revolution". Aus einer evangelischen Pfarrersfamilie im Erzgebirge stammend, war ihr nach aktenkundiger Kritik am Wehrkundeunterricht das Studium verwehrt worden. In Leipzig fand sie Anschluss in der Jungen Gemeinde der Nikolaikirche, wo sich rund um die dort schon seit 1982 wöchentlich organisierten Friedensgebete in mehreren Bürgerrechtsgruppen in- und außerhalb der Kirche das aktive kritische Potenzial sammelte. Obwohl die Kirche dem schon seit längerer Zeit aufgestauten Protest, wie in der ganzen DDR, ein schützendes Dach bot, kam es in der Nikolaikirche, wo der mutige Pfarrer Christoph Wonneberger für die Friedensgebete eingesetzt war, mit der zunehmenden Politisierung der Bewegung zu internen Konflikten, weshalb der Protest dann auch auf die Straße ging.

Gesine Oltmanns blickt zurück auf die Ereignisse im Herbst 1989 (im Hintergrund die Leipziger Nikolaikirche). - © Andreas Kresbach
Gesine Oltmanns blickt zurück auf die Ereignisse im Herbst 1989 (im Hintergrund die Leipziger Nikolaikirche). - © Andreas Kresbach

So organisierte die von Gesine Oltmanns mitinitiierte "Initiative zur demokratischen Erneuerung" im November 1988 zum Gedenken an das Pogrom 1938 erstmals einen Schweigemarsch zur früheren Synagoge, um auch auf das Problem des Neonazismus im Land aufmerksam zu machen. Im Jänner 1989 kam es anlässlich des Gedenkens an die sozialistischen Vorkämpfer Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht zur ersten größeren Kundgebung seit Jahrzehnten mit mehreren hundert Teilnehmern. Mit zehn weiteren Mitstreitern wurde Gesine Oltmanns von der Stasi dafür in U-Haft gesteckt, aus der sie nur aufgrund der Intervention des BRD-Außenministers Genscher bei der KSZE-Konferenz in Wien schon nach einer Woche freikam. Die damit aufkeimende Hoffnung, dass sich die Menschen mit ihrer Zwangslage in der DDR nicht mehr abfinden wollten, bewog sie auch, ihren Ausreiseantrag wieder zurückzuziehen.