Eine wichtige Rolle spielt dabei die Wahrnehmung von Fremdheit, eine "menschliche Elementarerfahrung", die - sehr unterschiedlich - in allen Zeiten und Gesellschaften angetroffen werden kann. Zwar führen Fundamentalprozesse wie die Globalisierung und die digitale Transformation zu einer gewissen kulturellen Homogenisierung, gleichzeitig intensivieren sie jedoch auch unsere Erfahrungen mit Fremdheit. Dabei handelt es sich um eine der großen Herausforderungen unserer Zeit. Umfassende Migrationsströme und Probleme von Integration auf der einen Seite, problematische demografische Entwicklungen und die Überalterung der Gesellschaft auf der anderen zeigen, dass es unerlässlich ist, mit Fremdheit besser umgehen zu können.

Stereotypes Überlegenheitsdenken

Aus diesem Grund fand vom 28. bis zum 30. November an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) in Wien eine interdisziplinäre Konferenz zum Thema "On the Way into the Unknown"? Comparative Perspectives on the ‚Orient‘ in (Early) Modern Travelogues" statt. Dabei diskutierten 30 Spezialistinnen und Spezialisten aus zwölf Ländern und drei Kontinenten Ergebnisse und Perspektiven der neuesten Forschung. Das Ziel lautete, am Beispiel von Reiseberichten aus dem 15. bis 19. Jahrhundert historische Dimensionen der Wahrnehmung von Fremdheit aufzuzeigen und dadurch auch zu einem besseren Verständnis aktueller Problemlagen beizutragen. Reiseberichte sind für die Erforschung von Fremdheit eine hervorragende Quelle, denn sie enthalten viele Informationen über kulturelle Merkmale des Orients und dessen Religionen, aber auch über die Autoren und deren Umgang mit Fremdheit.

Dass das stereotype Überlegenheitsdenken des 19. Jahrhunderts bei der Wahrnehmung des Orients auch heute noch eine große Rolle spielen kann, zeigte die Germanistin Maria Endreva von der Universität Sofia in ihrem Vortrag über Felix Philipp Kanitz (1829 bis 1904) auf. Der österreichisch-ungarische Ethnograf unternahm etliche Balkanreisen, die ihn auch nach Bulgarien brachten, dessen Bevölkerung er zwar als gastfreundlich, jedoch ebenso als ausgesprochen primitiv und profitorientiert darstellte. Endreva machte auch darauf aufmerksam, wie wichtig es sei, bei Fremdheit ebenso Prozesse der Annäherung und des Verstehens zu analysieren.

Die Aschura-Zeremonien standen im Mittelpunkt des Vortrags von Frédéric Tinguely (Universität Genf). An diesem Tag gedenken die Schiiten des Märtyrertodes des Imams Hussein in der Schlacht von Kerbela (680). Die Zeremonien, bei denen es mitunter zur blutigen Selbstgeißelung von Gläubigen kommt, konnten bei Persienreisenden des 16. und 17. Jahrhunderts durchaus auf mehr Verständnis stoßen als etwa der Literaturnobelpreisträger (1981) Elias Canetti (1905 bis 1994) in seinem philosophischen Hauptwerk "Masse und Macht" an den Tag legte.

Wie gewinnbringend eine geschlechtergeschichtliche Perspektive sein kann, veranschaulichte die Historikerin Anna Huemer von der Universität Salzburg in ihrem Vortrag über die Darstellung von Männlichkeit in Berichten habsburgischer Diplomaten, die im 17. Jahrhundert nach Konstantinopel reisten. Zu erkennen ist, dass die Reisenden den Sultanen gerne (angeblich) typisch weibliche Eigenschaften wie überzogene Emotionalität und Schwäche zuschrieben, um sie dadurch in ein schlechteres Licht zu rücken.