Den Wandel der Darstellung des Harems des osmanischen Sultans untersuchte Betül I. Argt von der türkischen Marmara Universität. Zu erkennen ist die Prägung der Haremsbilder durch das Vorwissen, das sich die Autoren, die ja durchwegs keinen Zugang zum Harem erlangten, vor ihrer Reise in der Heimat angeeignet hatten. Auf diese Weise vertuschten sie Nichtwissen. Der Orient war nicht unbekannt, selbst nicht für diejenigen, die ihn nie bereisten. Dass man selbst gedrucktes Wissen über den Orient kritisch unterfragen muss, zeigte Michiel van Groesen von der Universität Leiden auf, der sich mit Veränderungen beschäftigte, die im 17. Jahrhundert bei der Übersetzung von Reiseberichten gemacht wurden.

Fremdwahrnehmungen
in Reiseberichten

Insgesamt ist zu erkennen, dass derzeit viele Fragen offen sind. Neue Methoden werden entwickelt und ausprobiert. Eine Möglichkeit dafür bieten die "digital humanities". Gleich drei Vorträge beschäftigten sich mit der Möglichkeit, Fremdheit computergestützt zu erforschen. Ein Beispiel dafür ist das Projekt "Travelogues: Fremdwahrnehmungen in Reiseberichten 1500 bis 1875 - eine computergestützte Analyse", das am Institut für Neuzeit- und Zeitgeschichtsforschung der ÖAW durchgeführt wird und auch diese Konferenz organisierte. Als Kooperationspartner dienen die Österreichische Nationalbibliothek, das Austrian Institute of Technology und das Forschungszentrum L3S der Universität Hannover.

Finanziert wird das Vorhaben vom Österreichischen Wissenschaftsfonds (FWF) und der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Spezialistinnen und Spezialisten aus den Bereichen Geschichtswissenschaft, Buchwissenschaft und Informatik erforschen systematisch "Fremdheit" in Reiseberichten, die zwischen 1500 und 1875 veröffentlicht wurden. Dabei wollen sie neuartige Tools entwickeln, die es erlauben, das Phänomen mit einer bislang nicht erreichten Tiefenschärfe zu erschließen. Zu diesem Zweck werden rund 4.000 Reiseberichte der Österreichischen Nationalbibliothek im Zuge des Projekts "Austrian Books Online" (ABO) digitalisiert und ausgewertet.