Es sind jetzt gerade noch ganze zwei Wochen, bis das Vereinigte Königreich die Europäische Union am 31. Jänner endgültig verlassen wird; und was bewegte da die veröffentlichte Meinung diesseits des Ärmelkanals unlängst tagelang? Nicht der historische Brexit, sondern der eher marginale "Mexit", die Turbulenzen um Prinz Harry und seine Ehefrau Meghan.

Das mag einer gewissen allgemeinen Brexit-Müdigkeit geschuldet sein, möglicherweise aber auch dem Umstand, dass immer klarer wird, dass die von vielen Kontinental-Europäern in diesem Kontext düster vorhergesagten Katastrophen wohl doch eher ausbleiben werden. Mehr noch: Bei kühler Betrachtung wird immer wahrscheinlicher, dass Großbritannien ganz passable Chancen hat, außerhalb der EU durchaus zu prosperieren.

Selbst die Londoner "Financial Times", durchaus keine Brexit-Befürworterin, versprühte jüngst unerwarteten Optimismus. Ihre Grundthese: Die britische Wirtschaft sei enorm anpassungsfähig, diversifiziert und robuster, als allgemein angenommen werde; kombiniert mit einer liberalen, offenen Handelspolitik könne Großbritannien nach dem EU-Austritt durchaus florieren.

Dazu kommen aber eine Reihe anderer Faktoren, die in der Rest-EU nicht immer ausreichend wahrgenommen werden. So wird das Vereinigte Königreich auch nach dem Brexit über einen enorm hohen Anteil an Elite-Unis verfügen, ein für die langfristige Prosperität ganz wichtiger Punkt. Im Ranking der Top-100-Unis weltweit entfallen acht auf Großbritannien, aber nur vier auf das doch größere Deutschland und 17 auf die ganze Europäische Union. Auch die berühmten Privatschulen sind Teil dieser starken Elitenbildung.

So wird, entgegen düsteren Untergangsprognosen, London auch weiterhin ein führendes Weltfinanzzentrum bleiben, die Abwanderung nach Paris oder Frankfurt hielt sich in eher überschaubaren Grenzen. Nicht unrealistisch ist, dass sich die "City" nach dem Brexit sogar zu einer Art Fluchtburg für Geld mausert, das sich in der Eurozone mit ihren anhaltenden Verwerfungen und Problemzonen unwohl fühlt.

So wird, anders als etwa Deutschland, durch eine künftige Einwanderungspolitik, die offen für Qualifizierte, aber restriktiv gegenüber anderen ist, Großbritannien demografische Vorteile nutzen können. In 30 Jahren wird es mehr Einwohner als Deutschland haben und vor allem mehr Erwerbsfähige, was sich positiv auf die Wirtschaftsleistung auswirken wird, auch schon auf dem Weg dorthin. Und so, was auf dem Kontinent oft unterschätzt wird, verfügt das Vereinigte Königreich über eine starke und ungebrochene marktwirtschaftliche und freihändlerische Tradition, die in Widerspruch zur vor allem in Frankreich gepflogenen Unkultur planwirtschaftlichen Denkens steht, das leider stark in EU-Institutionen hineinmetastasiert. Auch das wird den Briten erhebliche, wenn auch schwer messbare Vorteile bringen.

Gewiss: All das ist mit Risiken und Mühen verbunden und keineswegs ausgemachte Sache. Aber die Nachrichten vom Ableben des Vereinigten Königreichs scheinen doch stark übertrieben.