Unsere Analyse über Islamismus, Krise und Demokratisierung beginnt mit einer ziemlich düsteren Einschätzung der muslimischen Welt. Von der politischen Offenheit über die wirtschaftliche Liberalisierung bis zum wissenschaftlichen Fortschritt hinkt die muslimische Welt hinterher. Mehr noch, diese Lücke vergrößert sich und wird von den arabischen Jugendlichen, die in eine Zukunft ohne Hoffnung blicken, unverhältnismäßig stark verspürt.

- © M. Hirsch
© M. Hirsch

In seinem wegweisenden Buch über Herrscher, Religion und Reichtum, "Warum der Westen reich wurde und der Nahe Osten nicht" (2017), behauptet der Ökonom Jared Rubin zwingend, dass der Rückstand zwischen den muslimischen und christlichen Ländern seinen Ursprung in der Reformation habe. Im Mittelalter hätten sich sowohl muslimische als auch christliche Herrscher an religiöse Autoritäten gewandt, um sich eine gewisse Legitimität der Bevölkerung zu sichern. Mit der Reformation jedoch habe sich die politische Führung Europas vom Glauben als Legitimationsquelle gelöst. Rubin argumentiert, die Religion aus der Politik zu entfernen, habe den europäischen politischen Raum in einen Verhandlungstisch einflussreicher Geschäftsinteressen verwandelt. Folglich sei im christlichen Westen eine wachstumsorientierte Politik beschlossen worden, die wiederum dazu gedient habe, die wirtschaftliche Basis des Staates zu erweitern, was zu dessen weiterer Konsolidierung geführt habe.

ZU APA..Grafik -10-Name.ai, Format x mm
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Die Stagnation der islamischen Welt

Aus der von Rubin skizzierten Perspektive wäre die islamistische Haltung, der Islam sei sowohl Religion als auch Staat, ein Rezept für die weitere Stagnation der islamischen Welt und eine Katastrophe für ihre unglücklichen Bürger. Betrachten wir die folgenden Herausforderungen, denen sich etwa die Einwohner von Teheran gegenübersehen: belastende Luftverschmutzung, von Ratten befallene Straßen, Drogensucht. Die Hauptpriorität der Mullahs in der iranischen Hauptstadt war jedoch keines dieser Themen - ihr Fokus lag auf Haushunden, die im Islam als unrein angesehen wurden.

Es ist keine politische Demokratisierung möglich, ohne dass intellektuelle Einzelgänger die ideologischen Grundlagen eines repressiven Status quo in Frage stellen. Zu diesen intellektuellen Dissidenten zählen etwa die malaysisch-islamistische Feministin Zainah Anwar, die das Patriarchat in der muslimischen Welt herausgefordert hat, und der indonesische Aktivist Nucholish Madjid, der versucht hat, die Regierungsführung zu "temporalisieren" und zu "entmythologisieren".