Angriffe gegen uns alle

Die Schüsse in Halle und Brüssel gereichen uns zur Mahnung, dass Antisemitismus auch noch 75 Jahre nach dem Holocaust Menschenleben kostet und unsere Gesellschaften in ihren Grundfesten bedroht. Denn wenn ein Bewaffneter zu Yom Kippur in einer Synagoge oder in einem Museum im Herzen der europäischen Hauptstadt das Feuer eröffnet, so zielen diese Angriffe nicht nur auf die jüdische Gemeinschaft. Diese Angriffe richten sich gegen uns alle. Gegen unsere Grundwerte und Grundsätze. Gegen die Einheit, die Vielfalt und den Zusammenhalt unserer Gesellschaften. Gegen alles, was unsere europäische Lebensweise ausmacht.

Als Sohn der Stadt Thessaloniki bin ich mir des immensen Beitrags der jüdischen Kultur zu unserem europäischen Erbe zutiefst bewusst. Und auch der entsetzlichen Auswirkungen des Holocaust auf eine Stadt, die einst blühendes Zentrum der Ladino sprechenden Sephardim und deshalb als "Madre de Israel" bekannt war. Unter meiner Verantwortung hat die Europäische Kommission ein neues Team zur Bekämpfung von Antisemitismus eingerichtet, dessen Aufgabe es ist, die Mitgliedstaaten bei der Entwicklung umfassender nationaler Strategien zu unterstützen und zu koordinieren: von der Bekämpfung von Hassverbrechen und Hetze über den Schutz und die Integration jüdischer Gemeinschaften bis hin zu Aufklärung und Sensibilisierung.

Sicherheit ist nach wie vor das wichtigste Anliegen der jüdischen Gemeinschaften. Auf EU-Ebene arbeiten wir an einer Sicherheitsunion, in der sich jede Europäerin und jeder Europäer – unabhängig von Glauben, Herkunft oder Aufenthaltsort – sicher und geschützt fühlt. Wir werden die Maßnahmen der Mitgliedstaaten zur Verhinderung von Radikalisierung, zur Bekämpfung von Hetze im Internet und zur Gewährleistung der physischen Sicherheit jüdischer Gemeinschaften weiterhin unterstützen. Synagogen, Gemeindezentren, Schulen und Universitäten müssen Stätten sein, an denen jüdische Kultur geachtet, studiert und gelebt wird und keinen Angriffen ausgesetzt sein darf.

Mehr Anstrengungen bei der Aufklärung

Zugleich müssen wir unsere Anstrengungen im Bereich der Aufklärung verstärken – sie stellt das wirksamste Instrument dar, um antisemitische Vorfälle auf lange Sicht zu verhindern. Wir müssen unsere Kinder, unsere Bürgerinnen und Bürger sowie unsere Strafverfolgungs- und Justizbediensteten über die Shoah aufklären und sie für die modernen Auswüchse des Antisemitismus sensibilisieren. Die Schulen spielen, genauso wie eine ehrgeizige inklusive Bildungsagenda, eine entscheidende Rolle bei der Veränderung von Wahrnehmungen und Einstellungen. Auch in diesem Kontext können die Programme der Europäischen Union zur Förderung der Mobilität von Studierenden und der Forschung eine wertvolle Unterstützung für die Strategien der Mitgliedstaaten sein.

Schlussendlich müssen wir uns darüber im Klaren sein, dass Antisemitismus nicht nur ein europäisches Problem ist. Antisemitismus erfordert eine globale Antwort, und aus diesem Grund muss die Europäische Union ihre Kräfte mit all denjenigen Ländern und internationalen Organisationen bündeln, die bereit sind, sich für Menschenrechte und Werte wie Gleichberechtigung, Pluralismus und Vielfalt sowie für Religions- und Meinungsfreiheit einzusetzen.

Am Montag, den 27. Januar werde ich im Namen der Europäischen Union gemeinsam mit Holocaust-Überlebenden und führenden Politikern aus der ganzen Welt die Strecke von der Todespforte bis zur Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau abschreiten, um all jenen, die hier zu Tode gekommen sind, sowie weiteren Millionen von Menschen, die unter der Geißel des Antisemitismus zu leiden hatten und noch heute bedroht sind, Ehre zu erweisen.

Es ist unsere Pflicht, nicht nur zu gedenken, sondern auch die Stimme zu erheben und zu handeln.