Der aktuelle Aufschwung ist der längste der Nachkriegsgeschichte, und die Bewertungen am US-Aktienmarkt bewegen sich auf historischen Höchstständen. Das macht Investoren nervös und lässt sie nach Rezessionsanzeichen Ausschau halten. Aber Aufschwünge sterben nicht an Altersschwäche, und Anleger haben in Spätphasen von Konjunkturzyklen häufig gute Gewinne einfahren können.

Talib Sheikh ist Multi-Asset-Chefstratege bei Jupiter Asset Management. - © Jupiter Asset Management
Talib Sheikh ist Multi-Asset-Chefstratege bei Jupiter Asset Management. - © Jupiter Asset Management

Wir blicken vorsichtig optimistisch ins Jahr 2020: Die Rezessionsängste haben nachgelassen, und einiges spricht dafür, dass die aktuelle Expansionsphase noch eine ganze Weile andauern könnte. Es gibt aber Faktoren, die ein solches Szenario verhindern könnten. Insbesondere die relativ hohen Bewertungen lassen erwarten, dass die Renditen künftig niedriger ausfallen werden. Das erfordert neue Investmentansätze.

2019 war ein sehr gutes Jahr für Risikoanlagen, auch wenn es sich nicht so angefühlt hat. Negativschlagzeilen zu Handelskrieg, Brexit, Coronavirus oder dem Abschwung im verarbeitenden Gewerbe haben auf die Stimmung gedrückt. Positionierungsdaten signalisieren, dass viele Investoren die Marktrally dadurch komplett oder teilweise verpasst haben. Die seit etwa 18 Monaten beobachteten starken Stimmungsschwankungen an den Märkten sind Ausdruck des aktuellen, spätzyklischen Umfelds und dürften sich bis ins nächste Jahr hinein fortsetzen. Nach zehn Jahren eines gemächlichen Wirtschaftswachstums mit soliden Gewinnen an den Finanzmärkten sehen die Investoren jetzt überall Hinweise auf eine bevorstehende Rezession. Das erklärt auch, warum viele Anleger die Rally verpasst haben und immer noch von der Seitenlinie aus zuschauen.

Unsere makroökonomische Einschätzung hat sich in den vergangenen 18 Monaten nicht verändert: Wir bewegen uns in einem wachstumsschwachen Umfeld, in dem ein starker Konsum und eine expansive Geldpolitik den Aufschwung weitertragen können. Euphorisch sind wir deshalb nicht. Das Trendwachstum ist schwach, die Inflation gering, die demografische Entwicklung in fast allen größeren Volkswirtschaften problematisch, und die in der vergangenen Krise angehäuften Schuldenberge sind noch nicht annähernd abgetragen.

Die zyklischen Risiken haben sich erhöht. Die Märkte dürften weiter durch eine politische Risikoprämie belastet bleiben. Die Lage im verarbeitenden Gewerbe ist fragil, und die Geldpolitik kann den Wachstumsmotor nicht alleine am Laufen halten. Fiskalpolitische Impulse werden ebenfalls gebraucht, vor allem in Europa. Dem stehen aber erhebliche politische Hürden im Weg. Wir sehen allerdings auch keine Hinweise auf typische Vorboten einer Rezession wie schwerwiegende Ungleichgewichte oder Inflationsdruck. Neben dem soliden Konsum sind auch die Daten vom Arbeits- und Immobilienmarkt positiv, und das Kreditwachstum in der Eurozone ist robust.

Aus Anlegersicht besteht die Herausforderung darin, dass es in diesem nervösen spätzyklischen Umfeld zu stimmungsgetriebenen Volatilitätsschüben kommen kann und die Bewertungen insgesamt und vor allem an den Anleihemärkten inzwischen ein sehr hohes Niveau erreicht haben. Deshalb dürften die einfachen, passiven Anlageansätze, die in den vergangenen zehn Jahren gut funktioniert haben, künftig enttäuschen. Diese Herausforderungen erfordern einen flexiblen und aktiven Ansatz auf Basis eines disziplinierten Risikomanagements, mit dem Investoren erfolgreich durch ein spätzyklisches Umfeld navigieren können.