Dass unsere Daten gesammelt werden, um damit gezielt Werbung zu machen, dürfte inzwischen allgemein bekannt sein. Dass diese Daten auch für politische Zwecke eingesetzt werden, weiß man spätestens seit dem Skandal um Cambridge Analytica. Das ist jenes Unternehmen, das für sich reklamiert, Donald Trump zum Wahlsieg verholfen zu haben. Cambridge Analytica soll auch im Brexit-Referendum über Umwege eine Rolle gespielt haben. Die Firma ist eng mit dem kanadischen Datenanalyse-Unternehmen Aggregate IQ verbunden, das maßgeblich an der EU-Austrittskampagne des damaligen britischen Außenministers Boris Johnson beteiligt war.

Barbara Wiesner war Professorin für Informatik an der Technischen Hochschule Brandenburg. Zu ihren Spezialgebieten gehörten Sicherheit, Kryptographie und Privacy. Inzwischen ist sie im Ruhestand und lebt in Wien. - © privat
Barbara Wiesner war Professorin für Informatik an der Technischen Hochschule Brandenburg. Zu ihren Spezialgebieten gehörten Sicherheit, Kryptographie und Privacy. Inzwischen ist sie im Ruhestand und lebt in Wien. - © privat

Cambridge Analytica hat sich damals über eine vermeintlich wissenschaftliche App namens "thisisyourdigitallife", die als Persönlichkeitstest deklariert war, persönliche Daten von vielen Millionen Facebook-Nutzern beschafft. Offenbar nahmen 270.000 User an dem Test teil, die damit zugleich die Daten aller ihrer Freunde preisgaben, was die Zahl der abgeschöpften Profile auf wahrscheinlich 87 Millionen erhöht hat.

87 Millionen Facebook-Profile soll Cambridge Analytica mithilfe einer App abgeschöpft haben. - © afp/getty/Justin Sullivan
87 Millionen Facebook-Profile soll Cambridge Analytica mithilfe einer App abgeschöpft haben. - © afp/getty/Justin Sullivan

Solche Datensammlungen sagen sehr viel über die jeweiligen Nutzer aus. Die User sind mehr oder weniger gläsern. So kann man etwa allein anhand von rund 170 Likes Aussagen treffen über ethnische Zugehörigkeit, Geschlecht, sexuelle Orientierung, politische Präferenzen, religiöse Einstellung, Raucher oder Nichtraucher, Trinker, Einnahme von Drogen, alleinstehend oder in einer Partnerschaft lebend.

Mithilfe dieser Daten wurden psychologische Profile der jeweiligen Nutzer erstellt, um diese in den Monaten vor der US-Präsidentenwahl zielgerichtet anzusprechen. Die Nachrichten konnten dabei gezielt auf Gruppen, aber auch auf einzelne Personen zugeschnitten werden. Falschnachrichten gehörten hier durchaus mit zum Repertoire, wobei leider sehr viele Nutzer solchen Fake News Glauben schenken. Bekannt ist zum Beispiel das sogenannte Pizzagate: Ein Mann schoss in einer Pizzeria wild um sich, weil er glaubte, dass dort ein Pädophiliering betrieben werde, an dem auch Hillary Clinton beteiligt sei. Eine solch gezielte Ansprache von Nutzern mit dem Ziel, sie in eine bestimmte Richtung zu beeinflussen, bezeichnet man als Micro-Targeting. Es sind letztlich die gleichen Methoden, mit denen Nutzer im Internet zum Kauf bestimmter Produkte animiert werden sollen.

Cambridge Analytica wollte weltweit Wahlen beeinflussen

Die Datensammlung von Cambridge Analytica hat sich später als nicht rechtmäßig erwiesen. Im Zuge der Affäre wurde eine Rekordstrafe von 5 Milliarden Dollar (4,5 Milliarden Euro) gegen Facebook verhängt, weil der Konzern unerlaubt Nutzerdaten an Cambridge Analytica weitergegeben hatte. Aufgrund des Skandals haben Cambridge Analytica und seine Dachgesellschaft SCL Group (Strategic Communication Laboratories) im Jahr 2018 Insolvenz angemeldet. Ein Nebeneffekt dieser Insolvenz war, dass damit die Beschlagnahme von Dokumenten verhindert werden konnte. Es gibt Vermutungen, dass nach der Insolvenz die neu gegründete Firma Emerdata die Geschäfte von Cambridge Analytica fortführt, da dort einige der Schlüsselfiguren von Cambridge Analytica und SCL involviert sind.

Durch eine Whistleblowerin, eine ehemalige Mitarbeiterin von Cambridge Analytica, wurde nun bekannt, dass das Unternehmen weltweit versucht hat, Wahlen zu beeinflussen. Die Rede ist von 68 Ländern, in denen Cambridge Analytica aktiv war. In diesem Zusammenhang wurde auch bekannt, dass der Medienmanager von Kanzler Sebastian Kurz, Philipp Maderthaner, versucht hat mit Cambridge Analytica in Kontakt zu treten. Er schrieb folgende E-Mail (in deutscher Übersetzung): "Ich kontaktiere sie wegen ihrer tollen PR für die Trump-Kampagne. Ich betreibe ein Kampagnenberatungs- & Softwareunternehmen in Wien/Österreich mit Niederlassungen in Deutschland und der Schweiz. Wir arbeiten für ein breites Spektrum von Kunden aus Politik, Wirtschaft und Nonprofit-Organisationen. Ich würde gerne mit Ihnen über die Anwendung Ihres Wissens, Ihrer Tools und Ihrer Expertise in unseren Märkten sprechen. Ich freue mich auf Ihre Kontaktaufnahme." Die Echtheit der E-Mail hat Maderthaner inzwischen bestätigt, gleichzeitig aber versichert, dass es nie zu einem solchen Gespräch gekommen sei.

Es ist faszinierend, welchen Hype die Aussage von Cambridge Analytica, dass das Unternehmen für den Wahlsieg von Donald Trumps verantwortlich sei, weltweit ausgelöst hat. Es zeigt, wie verlockend die Möglichkeit ist, Menschen zielgerichtet manipulieren zu können. Twitter hat inzwischen auf seinen Seiten politische Werbung verboten und Micro-Targeting stark eingeschränkt. Auf Facebook hingegen sind politische Werbung (ohne Faktencheck) und Micro-Targeting erlaubt. Das zeigt deutlich, dass man auf eine freiwillige Selbstkontrolle durch die großen Konzerne nicht hoffen kann.

Die meisten der Betroffenen wussten nicht, dass ihre Daten für Trumps Präsidentschaftskampagne verwendet wurden. Sie waren solchen Attacken damit weitgehend hilflos ausgeliefert. Möglichkeiten, sich dagegen zu schützen, hatten sie so gut wie keine. Allerdings kann man an diesem Beispiel auch deutlich sehen, dass es eben nicht unproblematisch ist, wenn Nutzer bereitwillig Daten über sich gegen vermeintlich kostenlose Dienste preisgeben. Doch es geht hier nicht nur darum, die Nutzer zu schützen. Die Macht, die die großen Internet-Konzerne aufgrund ihrer massenhaften Datensammlungen haben, gefährdet auch die Demokratie. Insofern besteht hier dringender Regulierungsbedarf, und das nicht nur auf nationaler Ebene.