Die sich verschärfenden und verzahnenden multiplen Krisen wie Klimawandel, sinkende Artenvielfalt, drohende Dürren, Buschbrände, Überschwemmungen, Hungerkatastrophen, oder auch Migrationsbewegungen sind eine enorme Herausforderung für Natur- und Ingenieurswissenschaften. Schädliche Emissionen müssen gefiltert oder durch technische Innovationen vermieden werden, extreme Trockenperioden brauchen Brunnen, Überflutungen und steigende Meeresspiegel Dämme. Und das Problem wachsender Migration lässt sich vermeintlich durch eine Abschottung Europas und durch das effiziente Management einer Rückführung beseitigen.

Felix Butzlaff ist Politikwissenschafter am Institut für Gesellschaftswandel und Nachhaltigkeit (IGN) an der WU Wien. Er arbeitet dort zur Entwicklung von Demokratie, Parteien und sozialen Bewegungen. privat - © Lukas Pelz
Felix Butzlaff ist Politikwissenschafter am Institut für Gesellschaftswandel und Nachhaltigkeit (IGN) an der WU Wien. Er arbeitet dort zur Entwicklung von Demokratie, Parteien und sozialen Bewegungen. privat - © Lukas Pelz

Wir haben uns daran gewöhnt, Krisen als Aufgaben für technische und rationale Lösungsstrategien zu betrachten. In diesem Rahmen stellt die Wissenschaft Lösungen für die Politik und Ministerialbürokratie bereit. Vor dem Hintergrund einer mindestens 45 Jahre andauernden Diskussion, eines immer breiteren Wissensstandes über menschengemachten Klimawandel und immer genauerer Prognosemöglichkeiten stellen diese Krisen aber mindestens ebenso eine sozialwissenschaftliche Herausforderung dar.

Denn zu erklären ist, dass trotz dieses immer größeren Wissens um die Konsequenzen der westlichen Lebensweisen und der Fülle technologischer Lösungsvorschläge eine sozial-ökologische Transformation unserer europäischen Gesellschaften in Richtung Nachhaltigkeit kaum vorangegangen ist. Zwar mag man einwenden, dass mit einer Regierungsbeteiligung der Grünen in Österreich und auch in anderen Ländern die Nachhaltigkeit stärker in den Fokus gerutscht ist. Auch haben viele PolitikerInnen und WissenschafterInnen in den vergangenen Jahren eine demnächst bevorstehende Wende hin zu einer Gesellschaft der Nachhaltigkeit ausgerufen. Die Treibhausgasemissionen sind in der Folge aber kaum nennenswert gesunken und eine nachhaltige Trendwende nirgendwo eingeläutet. Und auch für Österreich ist bereits unterstrichen worden, dass die ins Auge gefassten Vorhaben im Koalitionsvertrag den selbst postulierten Klimazielen kaum genügen.

Bewegungen wie "Fridays for Future" zehren heute von ihrem Nimbus als politikferne Akteure. - © picturedesk.com/Keystone/Gian Ehrenzeller
Bewegungen wie "Fridays for Future" zehren heute von ihrem Nimbus als politikferne Akteure. - © picturedesk.com/Keystone/Gian Ehrenzeller

Mehr Wissen um die Ursachen scheint also mitnichten automatisch zu einem entschlossenen gesellschaftlichen Wandel zu führen. Im Gegenteil: Fast wirkt es, als habe das Bewusstsein um Quellen und Konsequenzen des Klimawandels die Kräfte einer klimapolitischen Beharrung umso stärker angefeuert. Rechtspopulisten stellen sich einer sozial-ökologischen Transformation nicht nur entgegen, sondern streben ihrerseits einen (allerdings ganz anders gearteten) gesellschaftlichen Wandel an. Die gegenwärtige Konjunktur rechtspopulistischer Parteien und Bewegungen in Europa und Nordamerika jedenfalls speist sich zu einem nicht unwesentlichen Teil aus dem Unbehagen vieler Menschen gegenüber vermeintlich autoritären ökologischen Umerziehungsmaßnahmen.

Aber auch jenseits populistischer Rage wird am Anrecht auf Flugreisen, Individualmobilität, Erdbeeren im Winter etc. entschieden festgehalten. Denn ob Ernährung, Arbeitsplätze, Verkehr, Konsumgewohnheiten oder Urlaubsreisen - in all diesen Bereichen müsste eine sozial-ökologische Transformation einen zum Teil drastischen Wandel hervorbringen, wollte Österreich tatsächlich, wie es der Koalitionsvertrag postuliert, bis 2040 klimaneutral werden.

Entschlossene Verteidigung des eigenen Lebensstils

Aus diesem Wissen aber erwächst in vielen gesellschaftlichen Gruppen nicht etwa eine größere Bereitschaft, den eigenen Lebensstil zu hinterfragen, sondern eine umso entschlossenere Verteidigung desselben. Und das ist in erster Linie ein sozialwissenschaftliches Problem und kein technologisches. Denn die Akzeptanz und die konsequente Umsetzung von Gesellschaftsentwürfen sind kaum jemals naturwüchsig aus vermeintlich objektiven Notwendigkeiten entstanden. Ein sozialer Konsens, oder zumindest die Mehrheitsüberzeugung, muss in einer Demokratie seit jeher vermittelt, diskursiv erzeugt und organisiert werden.

Für die Frage nach einer sozial-ökologischen Transformation bedeutet dies, nicht nur auf die Entwicklung technologischer Lösungen zu vertrauen, um Emissionen zu verhindern oder den Energieverbrauch zu senken, sondern vor allem danach zu fragen, welche gesellschaftlichen Akteure Wandel oder Beharrung eigentlich forcieren - und was ihnen Glaubwürdigkeit verleiht. Wer ist denn eigentlich dafür zuständig, dass sich etwas ändert? Auffällig ist hier, dass vor allem die in unseren Demokratien angelegten Formen kollektiver Bildung von Interessen und Willen nach knapp 40 Jahren neoliberaler Konjunktur an Legitimation deutlich eingebüßt haben. Demgegenüber haben sich Vorstellungen durchgesetzt, dass wir einen unabhängigen, individuellen Willen besitzen, dessen Durchsetzung erstens befreiend und emanzipatorisch ist und dessen Realisierung zweitens eine demokratische Kernaufgabe sei.

Traditionell hatten politische Parteien die Aufgabe, Zielvorstellungen zu diskutieren, Utopien zu entwerfen und den Weg zu ihrer Verwirklichung zu skizzieren. Als Vermittler zwischen dem demokratischen Staat und der Sphäre der Zivilgesellschaft blieben sie nicht auf eine reine Abbildung gesellschaftlicher Realitäten begrenzt. Denn durch ihre organisatorische und programmatische Arbeit beeinflussten sie diese Realitäten selbst und wirkten auf die politische Willensbildung der Bevölkerung ein. Parteien spiegelten in den westlichen Demokratien also nicht nur gesellschaftliche Interessen wider, sondern halfen mit, diese erst zu schaffen.

Auflösung sozialer Milieus als Problem für Parteien

In den vergangenen Jahren allerdings wird Parteien diese Rolle kaum noch zugestanden. Die Auflösung sozialer Milieus, von welchen sie lange Zeit gezehrt hatten, macht es immer schwieriger für Parteien, als stabile Bindeglieder zwischen Zivilgesellschaft und parlamentarisch-politischem Raum zu wirken. Zudem haben politische Parteien selbst im Rahmen fortschreitender Globalisierungsprozesse politische Steuerungspotenziale häufig genug ausgelagert bzw. als Management-Prozesse entpolitisiert. Dadurch ist die Bewältigung politischer Großprobleme zunehmend als Administration von Alternativlosigkeiten angelegt worden, die der gesellschaftlichen Diskussion über verschiedene Handlungsoptionen entzogen wurden.

Parteien haben dies verinnerlicht: Ihre politische Programmatik verweist zumeist nur noch auf Forderungen, die bereits demokratisch legitimiert und mehrheitsfähig sind, aber entwirft kaum Zukunftsvisionen mehr, die darüber hinausreichen. Die Parteiendemokratie ist damit aber reduziert auf einen Spiegel dessen, was der "Demos" schon will, aber hat die Vorstellung aufgegeben, dass dieser Wille nicht im luftleeren Raum entsteht, sondern geschaffen wird.

Außerhalb des Einflusses von politischen Parteien ist sozialen Bewegungen die Fähigkeit und Legitimation zugeschrieben worden, neue Ideen und Zukunftsvorstellungen zu entwickeln und diese in die politische Entscheidungsfindung einzuspeisen. Heute zehren einerseits Bewegungen wie "Fridays for Future" und andererseits kleine Nischenbewegungen wie Essenskooperativen, Leihläden, Repair-Cafés und Tausch-Initiativen von ihrem Nimbus als politikferne Akteure. Nur von Akteuren, die nicht selbst nach politischer Macht streben, so diese Erzählung, sind Alternativen zu erwarten. Allerdings bleiben diese oft rein "demonstrativ" und dadurch ohne Strategie, wie genau ihr Beitrag zu einer sozial-ökologischen Transformation eigentlich orchestriert werden kann. Sie sind glaubwürdige und legitime Akteure, gerade weil sie keine politische Macht und keine Umsetzungsidee besitzen. Demgegenüber erscheint uns das Individuum als legitime Keimzelle gesellschaftlichen Wandels. Wir sind überzeugt, uns als Einzelne ändern zu müssen. Das Problem dabei: Es partikularisiert und vereinzelt die Verantwortung zur Krisenlösung und delegitimiert eine gesellschaftliche Diskussion darüber, was das langfristige Ziel gesellschaftlicher Veränderung sein soll. Es ist die zivilgesellschaftliche Entsprechung neoliberaler Markteuphorie.

Angesichts dessen ist es eine zentrale Aufgabe der Sozialwissenschaften, die seltsame Trägheit unserer Gesellschaften angesichts der Klimakrise auch als Glaubwürdigkeitskrise der gesellschaftlichen Steuerungsfähigkeit zu beschreiben. Denn zu verschiedenen Zeiten erscheinen uns verschiedene Lösungen plausibel. Und was die Klimakrise uns an vermeintlich objektiven Handlungszwängen auferlegt, ist stets nur im Rahmen des augenblicklich gesellschaftlich Legitimen anzupacken. Wie dieser aber gesteckt ist, ist keineswegs fix und dauerhaft, sondern Ergebnis einer kollektiven Aushandlung. Vor diesem Hintergrund auf die Durchsetzungskraft partikularer Konsumenteninteressen zu vertrauen, lässt wenig hoffen. Es gilt vielmehr, nach plausiblen, legitimen Formen einer Re-Kollektivierung des gesellschaftlichen Diskurses zu suchen.