In seinem Brief "Geliebtes Amazonien" hat Papst Franziskus entgegen zahlreichen Medienberichten keine Lockerung des Zölibats angekündigt. Er hat dieses zentrale Konstruktionsprinzip der katholischen Kirche erst gar nicht erwähnt, sondern die Umweltfragen kommentiert, Rolle und Mission der Frauen ohne Priestertum betont und die Ausbeutung der Regenwälder durch Großkonzerne scharf kritisiert. Trotzdem wirkt das Schreiben wie ein Rückzieher, weil auf der Amazonien-Synode im Oktober 2019 zur Lösung des Priestermangels eine Lockerung des Zölibats mit viel Zustimmung gefordert und auch im Schlussdokument verankert worden war.

Gerfried Sperl war von 1992 bis 2007 Chefredakteur des "Standard". Er gibt die Booklet-Reihe "Phoenix" heraus. - © apa/Hbf/Dragan Tatic
Gerfried Sperl war von 1992 bis 2007 Chefredakteur des "Standard". Er gibt die Booklet-Reihe "Phoenix" heraus. - © apa/Hbf/Dragan Tatic

Die Hoffnungen auf eine wenigstens regionale Öffnung wurden nun durch das Schreiben enttäuscht, ein Sieg der Reformgegner beklagt und die Galionsfigur der konservativen Kräfte, der 92-jährige emeritierte Papst Benedikt XVI., in die Rolle eines "Gegenpapstes" gedrängt. Auf den Fotos, die über den Konflikt zwischen den beiden Päpsten um die Welt gehen, wirkt Alt-Papst Joseph Ratzinger zerbrechlich, wie eine Statue seiner selbst in den vatikanischen Gärten. Dagegen sein jetzt 83-jähriger Nachfolger Franziskus, ein wortgewandter Jesuit, der fast immer - zuletzt inmitten von Nonnen - mit Publikum gezeigt wird und sich auf den Bühnen dieser Welt wohlfühlt.

Vehementer Verteidiger der theologischen Traditionen

Kontrahenten? Papst Franziskus und sein Vorgänger Benedikt XVI. (l.). - © picturedesk.com/Stefano Spaziani
Kontrahenten? Papst Franziskus und sein Vorgänger Benedikt XVI. (l.). - © picturedesk.com/Stefano Spaziani

Ratzinger war schon als Benedikt XVI. trotz phasenweiser Aufgeschlossenheit ein vehementer Verteidiger der theologischen Traditionen. Franziskus hingegen gilt als ein Freund der Öffnung. Wenn ihm jedoch Ablehnung entgegenschlägt, scheint er einzuknicken. Wie jetzt in der Grundsatzfrage Zölibat. Er wirkt, vornehm ausgedrückt, wie ein Theaterpapst, salopp formuliert wie ein Papiertiger.

Die jüngste Auseinandersetzung hat zwei Stränge: erstens die Zölibatsdiskussion im Vatikan selbst und unter engagierten Gläubigen vor allem in Europa; zweitens den Priestermangel, verstärkt durch die weltweite Missbrauchsdebatte. Die Diskussion um Zölibat beziehungsweise Ehelosigkeit der Priester ist speziell in Südamerika auch deshalb ein Thema, weil die "Evangelikalen", eine protestantische Glaubensrichtung, die Zahl der Katholiken zu überflügeln beginnen. Deshalb können sie ihre Betreuungsleistungen und spirituellen Dienste leichter entfalten und sind wegen ihrer Stärke in den Städten besser finanziert. Ihre Pfarrer und lokalen Prediger haben wegen des Fehlens des Zölibats ein meist herzeigbares Familienleben. Flachere Hierarchien bergen außerdem weniger Geheimnisse.

Relevanter als der Aufstieg der Evangelikalen für den Fortgang der Ereignisse ist die Opposition gegen Franziskus. Vor seinem Rücktritt 2013 hat Benedikt XVI. noch zeitgerecht konservative Kräfte in Stellung gebracht. Allen voran Gerhard Ludwig Müller, 72, jovialer, aber erzkonservativer ehemaliger Erzbischof von Regensburg, von 2012 bis 2017 als Kurienkardinal der Glaubenshüter der Kirche unter Benedikt. Franziskus verlängerte seine Amtszeit nicht.

In einem Gespräch mit Walter Mayr, dem Autor einer Papstgeschichte im Magazin "Der Spiegel", hat Müller, der immer noch im Vatikan wohnt, den Konflikt, fokussiert auf Benedikt, klar formuliert: "Der Altpapst ist der deutlichste Gegner der Selbstsäkularisierung der Kirche, also des Kuschelns im warmen Bett des Zeitgeists." Mit diesem Kuscheln sind mindestens drei Phänomene gemeint. 1. Die Demokratie, weil die reine Lehre kein Thema von Abstimmungen sein kann. 2. Die Aufgabe des Zölibats, weil sie das Prinzip der männlichen Alleinherrschaft vernichten würde. 3. Die Zulassung des Gebrauchs von Kondomen als Anfang vom Ende der moralischen Deutungshoheit der männlich dominierten Kirche.

Die Angst vor der Protestantisierung der Kirche

Über allem steht die Angst vor der Protestantisierung der Kirche. Sie geht seit gut 50 Jahren in Europa um, obwohl hier bei uns die evangelischen Kirchen trotz verheirateter Priester zahlenmäßig keine Konkurrenz zur katholischen Kirche darstellen. Es geht um die Behauptung oder Aufgabe einer streng hierarchischen, auf Rom bezogenen Ordnung. Weshalb beispielsweise der neue slowenische Bischof von Kärnten, Josef Marketz, seine Sympathien für verheiratete Priester öffentlich widerrufen musste.

In meiner Zeit als Chefredakteur des "Standard" nahm ich an den Castelgandolfo-Gesprächen teil. Und dadurch auch an persönlichen Treffen mit dem polnischen Papst Johannes Paul II. Dessen Privatsekretär Kardinal Stanislaw Dziwisz (später Erzbischof von Krakau) ließ mich für eine weitere Teilnahme an den Konferenzen des Wiener "Instituts für die Wissenschaften vom Menschen" von der Liste streichen. Die inoffizielle Begründung: Er ist ein Betreiber der Protestantisierung der katholischen Kirche in Österreich. Das war in den 90er Jahren, in der Zeit, als Kurt Krenn Weihbischof hinter Kardinal Groer war, aber wie ein Erzbischof agierte, ein Fingerzeig.

Mehr als ein Fingerzeig: Die 1995 erfolgte Absetzung des Wiener Generalvikars Helmut Schüller, heute 67, durch den Groer-Nachfolger Christoph Schönborn. Er wollte die Erdiözese mit synodalen Strukturen und neuen Konzepten der Einhebung des Kirchenbeitrags durchdringen. Das war Schönborn zuviel, er legte die Absetzung dem Rebellen in einem Schuh vor die Tür.

Die Konflikte und deren Ursachen schwelen seit Jahrzehnten vor sich hin - mit einem gelegentlichen Aufflammen von mehr oder weniger relevanten Bränden. In den Kontext der innerkirchlichen Konflikte ist auch der kürzlich erfolgte Rücktritt von Kardinal Reinhard Marx, 66, als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz zu stellen, dessen Feststellung "Nationalist zu sein und gleichzeitig katholisch, das geht nicht" eine enorm politische Aussage ist. In seinen Anschauungen ist Marx dem gegenwärtigen Papst viel näher als dessen Vorgänger Benedikt.

Massenhafter sexueller Missbrauch

Um die Krankheit des Klerus, den massenhaften sexuellen Missbrauch, zu beenden, bedürfe es einer Welle der Aufklärung. Der eigentliche Auslöser der aktuellen Zölibatsdebatte als Aspekt eines Machtkampfes im Vatikan tritt dadurch in den Hintergrund. Es handelt sich um ein Buch des afrikanischen Kurienkardinals Sarah (aus Guinea), das noch vor der Amazonas-Synode in einem Pariser Verlag erschienen ist und ein auf dem Cover ausgeschildertes Plädoyer Benedikts pro Zölibat enthält. Es ist angesichts der Praktiken im Verlagswesen anzunehmen, dass Benedikt bei seiner Zustimmung zur Publikation hineingelegt wurde. Aber der Schaden ist angerichtet und die Erzählung vom Zweikampf der beiden Päpste ein medialer Hit.

Der Glaubenskampf im Vatikan tobt im Geheimen, hat nach der Veröffentlichung des Lehrschreibens "Geliebtes Amazonien" aber ein erstes Opfer gefordert: Erzbischof Georg Gänswein. Als Privatsekretär Benedikts XVI. und als Präfekt des Päpstlichen Hauses traf er fast täglich auch den regierenden Papst. Damit ist Schluss. Franziskus ersetzte Gänswein als Präfekt durch einen Straßenpriester aus Uruguay.