Die vor einiger Zeit erschienene Studie "Junge Menschen mit muslimischer Prägung in Wien" ließ die Emotionen der Leserschaft einiger Tageszeitungen wieder einmal explodieren. Als sehr empörend und spaltend dürfte sie insbesondere jenen Befund der Studie empfunden haben, wonach im Unterschied zu allen anderen befragten Ethnien rund die Hälfte der befragten afghanischen Jugendlichen demokratiefeindlich sei.

Dass Schlagzeilen, die sinngemäß lauten: "Die Mehrheit der Österreicher steht Moslems ablehnend gegenüber" oder "Die Mehrheit der Afghanen" - mehr noch: "der Flüchtlinge" - habe ein Demokratiedefizit, eine schockierende Wirkung und kaum einen wünschenswerten Nebeneffekt haben können, ist gut nachvollziehbar. Und zwar deshalb, weil solche Schlagzeilen automatisch mindestens zwei Gedanken hochkommen lassen. Der eine lautet: "Das kann so nicht stimmen, es deckt sich gar nicht mit meinen eigenen Erfahrungen!" Oder der andere hingegen: "Ich habe das immer schon gewusst, wozu dann schon wieder eine Studie?"

Grundsätzlich liefert die besagte Meinungsumfrage allerdings Ergebnisse, die sowohl mit jenen einiger anderer Studien als auch mit jenen unserer eigenen qualitativen und quantitativen Studie in einer gewissen Übereinstimmung stehen. Letzterer zufolge ist die Mehrheit der aus Drittländern stammenden Jugendlichen (rund 1000 Befragte) demokratiefreundlich eingestellt, rund 60 Prozent in besonders starkem Ausmaß. Insgesamt betrachtet besteht hingegen bei rund 20 bis 30 Prozent mäßiger bis stärkerer Nachhol- und Unterstützungsbedarf aufgrund von fehlender Offenheit gegenüber der österreichischen Gesellschaftsform und angesichts überzogener kollektiver Identitäten, konservativer Rollenbilder und diverser Vorurteile. 5 Prozent der Befragten sind sehr weltentfremdet und religiös sehr intolerant. Diese Ergebnisse zeigen gute bis mäßige Übereinstimmungen zu der zur Diskussion stehenden neuen Studie.

Die Mehrheit akzeptiert die Gleichstellung voll und ganz

Unterschiede in den Ergebnissen lassen sich an dieser Stelle wie folgt darlegen: Im Gegensatz zur besagten Studie stellten sich in unserer Religiosität und Herkunftsland als ein zweitrangiger Einflussfaktor heraus. Erstrangig sind bezüglich Einstellungen hingegen die verlassene gesellschaftliche Position, der Bildungsgrad, die Erziehung und die Anzahl der in Österreich verbrachten Jahre.

Jugendliche, die in Afghanistan aufgewachsen sind, gehören zwar auch in unserer Studie nicht zu den demokratiefreundlichsten und tolerantesten Personen der Stichprobe, doch der anteilsmäßige Unterschied zu anderen Herkunftsändern ist in unserer Studie deutlich geringer als in der jüngst veröffentlichten. Für Jugendliche, die in Afghanistan aufgewachsen sind, haben europäische Werte auch in unserer Studie einen etwas geringeren Stellenwert als etwa für jene aus dem ehemaligen Jugoslawien. Sie verfügen einerseits über vergleichsweise konservative Rollenbilder und hegen stärkere geschlechtsbezogene Vorurteile.

Das Ausmaß der erhöhten religiösen Intoleranz ist laut unserer Studie vergleichsweise gering. Es liegt bei Afghanen allerdings bei rund 10 Prozent und ist damit doppelt so hoch wie in der Gesamtstichprobe. Doch 40 Prozent der in Afghanistan aufgewachsenen Jugendlichen sind ähnlich wie andere Ethnien deutlich proeuropäisch eingestellt und zeichnen sich durch hohe Anpassungsfähigkeit und enorm hohe Motivation aus, und das ohne nennenswerten Widerspruch. Während nach der zur Diskussion stehende Studie rund 70 Prozent sowohl Demokratie als auch Autokratie - sprich: "einen starken Führer", wie es dort heißt - in Ordnung fänden.

Die Mehrheit der in unserem laufenden Projekt untersuchten Schülerinnen und Schüler akzeptiert beispielsweise die Gleichstellung von Mann und Frau voll und ganz. Dieses Ergebnis unterscheidet sich kaum von dem, das wir in Bezug auf Flüchtlinge ermittelt haben. Auf der Ebene der Vorurteile schneiden Jugendliche aus Drittländern allerdings schlechter ab als Schülerinnen und Schüler insgesamt. Gegenüber den 13 Prozent in unserem "Schulprojekt" weisen in unserer "Flüchtlingsstudie" im Durchschnitt 20 Prozent und bei jüngst eingewanderten Personen 27 Prozent homophobe Einstellungen auf. Was Antisemitismus betrifft, ist der Unterschied wesentlich höher. Während bei Jugendlichen aus Drittländern 23 Prozent ausgeprägte antisemitische Tendenzen zeigen, liegt der vergleichbare Wert in der von uns an vier Wiener Schulen durchgeführten Studie mit 700 Befragten bei 2 Prozent.

Der Migrationshintergrund
der Forschenden

In unserem "Schulprojekt" konnten wir darüber hinaus auch zeigen, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund hinsichtlich Offenheit und Toleranz anders eingestellt sind als Einheimische. Jene, deren beide Eltern in den jeweiligen Auswanderungsländern sozialisiert wurden, zeichnen sich insgesamt durch Einstellungen aus, die konservativer und mehr von Vorurteilen geprägt sind als jene, deren Eltern in Österreich geboren wurden. Weiters spielt der Ausbildungsgrad der Eltern eine bedeutende Rolle in Bezug auf die Einstellungen. Je höher der Bildungsstand der Eltern, insbesondere bei Migrantinnen und Migranten, desto liberaler und vorurteilsloser ist die Haltung der Kinder und desto mehr zeigen sie eine positive und affektive Haltung gegenüber Österreich.

Ob nun länger oder kürzer, es gibt einen Migrationshintergrund. Sieht man sich einschlägige Publikation der vergangenen fünf Jahren in Österreich und Deutschland an, so fällt auf, dass Sprache und Umgang mit dem Thema Migration, Religion und insbesondere der Umgang mit dem Islam bei den meisten Autorinnen und Autoren mit Migrationshintergrund deutlich anders gehandhabt wird als bei jenen Forscherinnen und Forschern, die in der Sprache, in der Geschichte und im Bildungssystem Österreichs oder Deutschlands seit Generationen verwurzelt sind.

Der Umgang mit dem Gegenstand Migration und somit mit den darauf angewandten Toleranzformen ist also auch in diesem Zusammenhang am besten als "anders" und nicht als "besser" oder "schlechter" zu betrachten. Und das deshalb, weil die Standpunkte und die Studienergebnisse einander am Ende doch sinnvoll zu ergänzen scheinen. Während die eine Hälfte der Forscherinnen und Forscher mit dem Thema Migration, Islam und Integration vergleichsweise umsichtig und schonend umgeht, ist die andere (jene mit Migrationshintergrund) meistens viel restriktiver in der Beurteilung sogenannter linker Politik und deren Maßnahmen zur Integration.

Dabei lässt sich neben den unterschiedlichen Toleranzformen, die beobachtbar sind, auch eine ganz gewöhnliche und scheinbar selbst in der Forschung kaum zu überwindende Umgangsweise mit dem Gegenstand erkennen. Es handelt sich um eine Art intellektueller Ethik, wonach es geradezu ein Muss ist, mit dem "Eigenen" stets kritisch umzugehen. Im Gegensatz zum "Fremden", dem man mit Wertschätzung und weniger mit Kritik begegnet. Eine solche Praxis gibt es in anderen Ländern wohl auch, aber in Deutschland und Österreich hat sich dieses intellektuelle Ethos stärker etabliert.

Die einen nehmen alles auf,
die anderen lehnen alles ab

Selbst wenn in den Debatten über das Thema Offenheit und Toleranz oft ein anderer Eindruck erweckt wird, zeichnet sich derzeit wohl niemand - weder Einheimische noch Migrantinnen und Migranten - durch Einstellungen aus, die nicht zu hinterfragen wären. Im Gegenteil. Während beispielsweise die einen dazu neigen, alles, was ihnen begegnet, als persönliche und gesellschaftliche Bereicherung zu deuten, neigen die anderen dazu, alles abseits der eigenen Tradition als potenzielle Gefahr für ihre Gemeinschaft zu betrachten. Für Letzteres sind Migrantinnen und Migranten, die aus undemokratischen Ländern stammen, und Menschen aus bildungsfernen Schichten überwiegend anfälliger. Wobei die jugendliche Anfälligkeit für den einen oder anderen Toleranztypus wesentlich vom Erziehungsstil der Eltern, von der innerfamiliären Kapazität überhaupt abhängt. Je nachdem, in welcher Qualität die Familie äußere (schulische, politische, mediale) Einflüsse filtert und für die Kinder aufbereitet, zulässt oder blockiert, sind diese (nicht) zu selbständigem Denken und Offenheit fähig.

Zoltan Peter ist Soziologe, derzeit leitet er die Drittmittelprojekte "Toleranzkompass Jugendliche" sowie "Integrationsthema Toleranz", das nun auch als Buch im Springer Verlag erscheint.

Die Studie ist online abrufbar: https://www.bmeia.gv.at/integration/download/publikationen/