Überall werden Frauen schlechter gestellt als Männer. Ganz einfach weil sie Frauen sind. Die Realität für Frauen, ob sie Minderheiten angehören, älter oder Migrantinnen sind, an Behinderungen leiden oder fliehen mussten, ist sogar noch schlimmer.

António Guterres ist Generalsekretär der Vereinten Nationen. - © UN Photo/Mark Garten
António Guterres ist Generalsekretär der Vereinten Nationen. - © UN Photo/Mark Garten

In den vergangenen Jahrzehnten haben wir enormen Fortschritt bei den Frauenrechten gesehen. Diskriminierende Gesetze wurden abgeschafft und mehr Mädchen besuchen die Schule. Dennoch gibt es enorme Rückschritte. Der gesetzliche Schutz gegen Vergewaltigung und häusliche Gewalt nimmt in einigen Ländern ab. Gleichzeitig entstehen Regeln, die Frauen bestrafen – etwa im Bereich erzwungener Fortpflanzung. Die sexuellen und reproduktiven Rechte von Frauen werden von allen Seiten bedroht.

Das Motiv ist offensichtlich: Geschlechtergleichheit ist eine grundlegende Machtfrage. Jahrhunderte der Diskriminierung und des tiefverwurzelten Patriarchats haben in unserer Wirtschaft, unseren politischen Systemen und Unternehmen ein gewaltiges Machtvakuum der Geschlechter entstehen lassen. Dafür gibt es überall Beweise.

Frauen werden noch immer von Führungspositionen ausgeschlossen – in Regierungen, Geschäftsführungen, auch bei bedeutenden Preisverleihungen. Weibliche Führungskräfte und Frauen von öffentlichem Interesse werden Ziel von Hass, Bedrohungen und Mobbing – on- wie offline. Die Gehaltsunterscheide sind nur ein Symptom des Ungleichgewichts von Macht.

Sogar bei der Nutzung neutraler Daten – ob für Stadtplanung oder gegen Drogenmissbrauch geht man oft ganz selbstverständlich vom "Durchschnittsmann" aus. Männer werden als Norm gesehen. Frauen als Ausnahme.

Frauen und Mädchen kämpfen seit Jahrhunderten gegen Frauenfeindlichkeit und dagegen, dass ihre Errungenschaften unbeachtet bleiben. Sie werden lächerlich gemacht – da sie vermeintlich hysterisch oder hormonell gesteuert sind. Sie werden häufig nach ihrem Aussehen beurteilt. Sie sind Zielscheibe endloser Mythen und Tabus zu ihren Körperfunktionen. Sie werden täglich mit Sexismus und männlicher Besserwisserei konfrontiert und werden als Opfer dafür auch noch verantwortlich gemacht.

Dies betrifft uns alle sehr und hindert uns daran, die Herausforderungen und Bedrohungen, denen wir gegenüberstehen, zu lösen.

Männer: 1 Dollar - Frauen: 77 Cent

Nehmen wir die Ungleichheit. Frauen verdienen 77 Cent für jeden Dollar, den Männer verdienen. Die neuesten Untersuchungen des Weltwirtschaftsforums besagen, dass es 257 Jahre dauern wird, um diese Lücke zu schließen. Mittlerweile leisten Frauen und Mädchen täglich etwa zwölf Milliarden Stunden unbezahlte Pflegearbeit, die in den wirtschaftlichen Entscheidungsprozessen einfach nicht berücksichtigt wird. Wenn wir eine faire Globalisierung erreichen wollen, die allen dient, müssen wir unsere Politik auf Statistiken stützen, die die wahren Beiträge von Frauen berücksichtigen.

Die Digitaltechnik ist ein weiteres Beispiel. Das mangelnde Gleichgewicht zwischen den Geschlechtern an den Universitäten, Start-ups und Silicon Valleys unserer Welt ist zutiefst besorgniserregend. Diese Technologiezentren prägen die Gesellschaften und Volkswirtschaften der Zukunft; wir können nicht zulassen, dass sie die männliche Dominanz zementieren und verschärfen.

Oder nehmen wir die Kriege, die unsere Welt verwüsten. Es gibt einen direkten Zusammenhang zwischen der Gewalt gegen Frauen, der zivilen Unterdrückung und Konflikten. Wie eine Gesellschaft mit der weiblichen Hälfte ihrer Bevölkerung umgeht, ist ein wichtiger Indikator dafür, wie sie andere behandeln wird. Selbst in friedlichen Gesellschaften sind viele Frauen in ihren eigenen vier Wänden in tödlicher Gefahr.

Geschlechtsspezifische Kluft bei der Klimakrise

Es gibt sogar eine geschlechtsspezifische Kluft in unserer Reaktion auf die Klimakrise. Initiativen zur Reduzierung und zum Recycling werden überwiegend an Frauen vermarktet, während Männer eher auf ungetestete technologische Lösungen vertrauen. Und Wirtschaftswissenschaftlerinnen und Parlamentarierinnen sind eher als Männer bereit, eine umweltpolitische Strategie zu unterstützen.

Letztlich ist die politische Repräsentation der deutlichste Beweis für das geschlechtsspezifische Machtgefälle. Frauen sind in Parlamenten auf der ganzen Welt durchschnittlich 3 zu 1 den Männern unterlegen, doch ihre Präsenz korreliert stark mit Innovationen und Investitionen in den Bereichen Gesundheit und Bildung. Es ist kein Zufall, dass die Regierungen, die den wirtschaftlichen Erfolg neu definieren, um das Wohlbefinden der Bevölkerung und Nachhaltigkeit einzubeziehen, von Frauen geführt werden.

Deshalb war es eine meiner ersten Prioritäten bei den Vereinten Nationen, mehr Frauen in unsere Führung zu bringen. Wir haben jetzt, zwei Jahre früher als geplant, die Gleichstellung der Geschlechter auf der höchsten Ebene unserer Organisation erreicht und haben einen Fahrplan für die Gleichstellung auf allen Ebenen in den kommenden Jahren.

Gleichstellung als Teil der Antwort auf die Not der Welt

Unsere Welt ist in Not, und die Gleichstellung der Geschlechter ist ein wesentlicher Bestandteil der Antwort. Vom Menschen verursachte Probleme haben vom Menschen geleitete Lösungen. Die Gleichstellung der Geschlechter ist ein Mittel, um Macht neu zu definieren und zu transformieren, und wird für alle von Vorteil sein.

Das 21. Jahrhundert muss das Jahrhundert der Gleichstellung von Frauen in Friedensverhandlungen und Handelsgesprächen, in Sitzungssälen und Klassenzimmern, bei den G20 und den Vereinten Nationen sein.

Es ist an der Zeit, mit dem Versuch aufzuhören, Frauen zu verändern, und damit zu beginnen, die Systeme zu verändern, die sie daran hindern, ihr Potenzial zu entfalten.

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Der Autor ist Generalsekretär der Vereinten Nationen