Vorbei sind die Zeiten, als sich mit Politischer Korrektheit oder mit dem Binnen-I öffentliche Erregung entfachen ließ. Vereinzelt sprühen zwar auch heute noch die Funken zwischen Mikroaggressionen und MeToo, doch grundsätzlich hat man sich an derartige Gepflogenheiten gewöhnt - zumal die Anpassung ohnehin meist eine eher oberflächliche bleibt. Braves Befolgen von (Sprach-)
Regelungen macht uns aber nicht zu besseren Menschen, sondern ersetzt immer öfter das selbstkritische Nachdenken über die situative Angemessenheit des eigenen Handelns. Damit geht das Augenmaß als einst wichtige Kulturtechnik verloren. Man denke an Phänomene wie Fridays for Future und Extinction Rebellion, die bis vor nicht allzu langer Zeit noch Aufmerksamkeit erregt haben und die man nicht anders als im weiteren Sinne ideologisch nennen kann: Sie haben Selbstkritik vermissen lassen und sogar vorsätzlich einzelne Prinzipien und Positionen absolut gesetzt - bis hin zum Einsatz von Gewalt als Ersatz für demokratisch legitimierte Macht.

Holzschnittartiges Schwarz-Weiß-Denken

Paul Reinbacher ist Hochschulprofessur im Fachbereich Bildungswissenschaften an der Pädagogischen Hochschule Oberösterreich. - © privat
Paul Reinbacher ist Hochschulprofessur im Fachbereich Bildungswissenschaften an der Pädagogischen Hochschule Oberösterreich. - © privat

Jede Betonung einer angeblichen "Alternativlosigkeit" einzelner Prinzipien fördert dabei jene oft beklagte Polarisierung gesellschaftsweiter Debatten, in denen einander allem Anschein nach unversöhnliche Positionen gegenüberstehen - obwohl das damit einhergehende, holzschnittartige Schwarz-Weiß-Denken der gesellschaftlichen Realität kaum gerecht werden kann. Die soziale Komplexität in das Prokrustesbett des eindimensionalen Denkens zu zwängen, bedeutet nämlich, die Intelligenz der Praxis zu unterschätzen. Eine wesentliche Ursache dafür ist die heute verbreitete, stark verkürzte Vorstellung von gesellschaftlichen Zusammenhängen: Die Gesellschaft als soziales System wird trivialisiert, die politische Gestaltung des Gemeinwesens wird als mechanistische Steuerung fehlinterpretiert. Leider führen viele dieser Lösungen nicht nur bei zweifelhaften, sondern sogar bei besten Absichten in Probleme. Darüber sollte auch der sich zaghaft abzeichnende Erfolg von drastischen Maßnahmen in der aktuellen Corona-Krise nicht hinwegtäuschen.

Bewegungen wie Fridays for Future und Extinction Rebellion haben auch Kehrseiten. - © reuters/P. Nicholls
Bewegungen wie Fridays for Future und Extinction Rebellion haben auch Kehrseiten. - © reuters/P. Nicholls

Wo viel Licht, ist starker Schatten. Man denke nur an die aktuelle, hierzulande ungewohnt restriktive Politik im Angesicht einer Pandemie. Diese kann einerseits als Krisenmanagement kurzfristig erfolgreich sein, zum Beispiel indem sie das Gesundheitssystem vor dem Kollaps bewahrt. Sie sollte jedoch andererseits langfristige Folgeschäden vermeiden, also zum Beispiel nicht zulassen, dass sich totalitäre Strukturen nachhaltig verfestigen: Freiheit zulasten von Sicherheit aufzugeben, setzt bekanntlich alle beide aufs Spiel - und das wäre für die gesellschaftliche Entwicklung fatal.

Bereits seit längerem sehen wir das an politisch korrekten Sprachregelungen oder an den Strategien von Fridays for Future und Extinction Rebellion: Diese liefern einfache Anweisungen für das Denken und befriedigen mit (scheinbar) eindeutigen Handlungsanleitungen die Sehnsucht nach Klarheit in unserer komplizierten Welt: Sag dieses (nicht)! Mach jenes (nicht)! - Und geflissentlich ignorieren sie, dass das soziale Gemeinwesen weder ein präzises Uhrwerk noch eine programmierbare Software ist.

Während mit Politischer Korrektheit und Binnen-I anfangs die Hoffnung verbunden war, politische und ökonomische Tiefenstrukturen der Gesellschaft zu verändern, so ist diese heute einer Ernüchterung gewichen. Die "Euphemismus-Tretmühle" (wie sie der US-Psychologe Steven Pinker genannt hat) läuft wie geschmiert, "Gendern" ist gesellschaftliches Ritual, heuchlerischer "Talk" ersetzt handfeste "Action" (so der schwedische Soziologe Nils Brunsson). Kurz: Im kulturellen Überbau wird das Dachgeschoß ausgebaut, die materielle Basis hingegen ändert sich kaum. Der Grund dafür ist nicht nur, dass oberflächliche Anpassung weniger schmerzhaft ist, sondern auch, dass die Grenzen mechanistisch-sozialtechnologischer Steuerung deutlich zutage treten. So lässt sich zum Beispiel zwar die Verwendung von Begriffen regeln, nicht aber deren Bedeutung (zumal Regeln überbordend werden, wenn sie alle potenziellen Kontexte im Detail berücksichtigen wollen). Das schwedische "Nur ja heißt ja" bringt - bei besten Absichten! - dieses unterkomplexe Bild zwischenmenschlicher Kommunikation zum Ausdruck.

Kampf gegen Klimawandel wird in Enttäuschungen führen

In vergleichbarer Weise lässt sich bereits heute vermuten, dass der Kampf gegen den Klimawandel bei aller Bedeutung, die seinem in der Tat alternativlosen Anliegen zukommt, ebenfalls in Enttäuschungen führen wird, wenn er seine (ohne Zweifel öffentlichkeitswirksamen, weil Aufmerksamkeit erregenden) Appelle weder in ihren Wirkungen zu Ende denkt noch in ihren Voraussetzungen selbstkritisch reflektiert. Mangels Augenmaß untergräbt er mit seiner prinzipiellen Aversion gegenüber gesellschaftlichen, insbesondere politischen und ökonomischen Entwicklungen beziehungsweise mit seinen Attacken auf Errungenschaften wie Demokratie, Technologie und Marktwirtschaft sein eigenes Fundament, allen voran die Wissenschaft als (angeblich) wichtigste Argumentationsgrundlage von Bewegungen wie Fridays for Future und Extinction Rebellion. Gerade die vielzitierte, neuzeitliche Wissenschaft ist auf komplexe gesellschaftliche Bedingungen angewiesen. Dies nährt den Verdacht, dass "Evidenz" selektiv herangezogen und ideologisch instrumentalisiert wird.

Zwar gibt es eindeutige, weil extreme Fälle. Doch diese erfordern ohnehin keine ideologische Unterstützung: Sie sind entweder banal oder evident brutal - wie zum Beispiel der Schutz der Bevölkerung vor einer Pandemie. Die Mehrzahl der Fälle ist allerdings in ihren Ursachen und Wirkungen weit weniger eindeutig. Deshalb können Trigger Warnings an Universitäten, das Auftrittsverbot für Alice Schwarzer kürzlich in Wien, die Zerstörung von E-Scootern in Paris oder (Selbst-)Isolation als langfristige Lösungen nicht ernstgenommen werden: Sobald ein einziges Prinzip zum alleinigen Maßstab des Handelns gemacht wird, ist Vorsicht geboten - so überzeugend dieses Prinzip auf den ersten Blick sein mag. Dies gilt weit über die Bereiche der paternalistischen Identitätspolitik, des feministischen Aktivismus oder der ökologischen Rebellion hinaus. Stets sollten wir (sogar in Zeiten des Krisenmanagements) Acht geben, dass Augenmaß im sozialen Miteinander nicht zum Opfer ideologischer, sich gegen Kritik immunisierender Kurzschlüsse wird.

An Bekenntnissen zu absolut gesetzten moralischen Prinzipien herrscht heute bekanntlich kein Mangel. Ein solcher Moralismus ist jedoch im Umgang mit den Problemen unserer Zeit nicht einmal die halbe Miete. Denn wer bekennt sich nicht zu "Gerechtigkeit"? Zumindest fordert kaum jemand "Ungerechtigkeit" (nur ungleiche Behandlung, zum Beispiel beim Coronavirus von Älteren und Jüngeren - aber auch dann nur zur Herstellung von "Gerechtigkeit"). Sobald ein allgemeines Prinzip in konkretes Handeln übersetzt werden muss, sind aber Entscheidungen fällig: Soll es um Leistungs-, um Bedarfs- oder um Verteilungsgerechtigkeit gehen? Sollen universelle Regeln für alle gelten - oder wäre gerade das ungerecht, sodass es im Dienste der Gerechtigkeit eher individuelle Lösungen braucht? Und wie geht man mit der darin - also in der universellen Forderung nach individueller Regelung - zum Ausdruck kommenden Paradoxie um? All dies lässt sich in der sozialen Praxis kaum ohne Abwägung, also: ohne Augenmaß bewerkstelligen.

Der naive Geist meint zwar, es ließen sich Nachteile der gesellschaftlichen Entwicklung wie negative Auswirkungen auf die Umwelt oder soziale Ungleichheit einfach verhindern, ohne auf Vorteile wie materiellen Wohlstand, soziale Wohlfahrt und neuzeitliche Wissenschaft zu verzichten. Doch das ist vermutlich ein Irrtum: Vorteile und Nachteile lassen sich stets nur gleichzeitig steigern. So sind Umweltzerstörung und Ungleichheit weniger ein Ergebnis gezielter Strategien als vielmehr eine ungeplante Folge der sozialen Evolution. Die aktuelle Krise führt uns vor Augen, dass unbestrittene Nachteile von Globalisierung und Digitalisierung (wie die Corona-Pandemie und Fake News) das Korrelat vieler weitgehend außer Streit stehender Vorteile (wie das Niveau unserer Gesundheitsversorgung oder der breite Zugang zu Informationen) sind. Eindimensionale (zum Beispiel anti-demokratische und anti-kapitalistische) Strategien partieller Systemzerstörung bergen dagegen das Risiko einer Zerstörung des weltgesellschaftlichen Systems insgesamt.

Wichtiger Ausgleich zu Panik und Polarisierung

Mit Augenmaß zu handeln, bedeutet demnach also nicht, die Augen vor den großen gesellschaftlichen Problemen zu verschließen oder auf moralische Prinzipien zu verzichten - ganz im Gegenteil. Es ist allerdings ein wichtiger Ausgleich zur allgegenwärtigen, nach Aufmerksamkeit heischenden Panik und Polarisierung. Zwar lässt sich mit Angst und mit Antagonismen tatsächlich mehr Aufmerksamkeit in der öffentlichen Debatte erzeugen - keine Frage. Doch ist dies allein noch keine Lösung. Gerade die konstruktive Bewältigung von Zukunftsfragen braucht mehr als das Beharren auf hermetisch abgeschlossenen Prinzipien: Sie muss diese mit Bedacht in der Praxis realisieren. Weder das generische Maskulinum noch ein Burger im Fastfood-Restaurant oder das Krisenmanagement der Regierung eignen sich als eindeutige Evidenz für die hegemoniale Männlichkeit, den bevorstehenden Weltuntergang oder ein totalitäres Regime - ohne dass uns dies daran hindern soll, sie als Indizien für Probleme ernst zu nehmen. Aber eben: mit Augenmaß.