Seit Anfang März werden wir in immer rascheren Zeitabständen eingeladen, aufgefordert, angehalten, bestimmt, unseren gewohnten Lebensstil radikal umzustellen. Von unserem eingespielten Miteinander, ob bei der Arbeit, Freizeit, kulturellen Anlässen oder ehrenamtlichen Einsätzen, sich frei in unserer Gesellschaft bewegen und täglich persönlich beliebig Mitmenschen treffen zu können, sind wir nun über Nacht mit einem Stillstand solcher Austauscherfahrungen konfrontiert worden. Die Vielfalt an direkten, oft bedeutungsvollen persönlichen Kontakten ist zusammengeschmolzen. Einige Menschen finden sich nun ganz alleine wieder, erleben sich sozial isoliert und vereinsamt. Für andere ist das ganztägige Zusammenleben in der angestammten Kleingruppe eine neue Herausforderung, da gewohnte Austauschprozesse außerhalb dieser wegfallen. Nun greifen wir systematisch auf virtuelle Kommunikationstechnologien zurück, um diesen Verlust auszugleichen. Ob diese Umstellung unserem Grundbedürfnis nach echtem Miteinander gerecht werden kann, bleibt dabei fragwürdig.

Germain Weber ist seit 2004 Präsident der Lebenshilfe Österreich, von 2008 bis 2016 war er Dekan der Fakultät für Psychologie der Universität Wien. - © Foto Wilke
Germain Weber ist seit 2004 Präsident der Lebenshilfe Österreich, von 2008 bis 2016 war er Dekan der Fakultät für Psychologie der Universität Wien. - © Foto Wilke

Vieles davon ist Thema in öffentlichen Medien, wobei die Situation von Menschen mit Behinderungen in der Regel nicht mitreflektiert wird. Sie waren jahrzehntelang gewohnt, ihr Leben in abgeschotteten Milieus, Sonderschulen, Tagesstätten und Wohngemeinschaften, Spezialtransporten und weiter zurückliegend in nun größtenteils vergangenen Großinstitutionen zu führen. Die Reduktion zwischenmenschlicher Kontakte auf eine kleine, gleichbleibende Gruppe war für sie Alltag, wobei erst in den vergangenen Jahren mit fortschreitenden Maßnahmen öffentlicher und privater Initiativen zur Inklusion - im Sinne einer Teilhabe in gesellschaftlichen Strukturen - daran gearbeitet wurde, sie aus ihrer Segregation herauszuholen, in Richtung Leben wie andere auch.

Mit dem neuen Mainstream einer reduzierten Lebensführung für alle werden daher auch für manche Menschen mit Behinderungen Erinnerungen an Zeiten hochkommen, in denen sie vieles vermissten, darunter ein "normales" Leben. Die aktuellen Einschränkungen in unseren Freiräumen und die damit einhergehende Gefahr sozialer Beziehungsarmut wird für uns alle neuartige Stresserfahrungen bedeuten, die den langjährigen Erfahrungen unserer Mitmenschen mit Behinderungen sehr nahekommen.

In dieser kollektiven Herausforderung sollten wir uns besonders bemühen, sie nicht aufgrund der derzeitigen Krise wieder diskriminierend zu behandeln. Die Schutzmaßnahmen, zu denen wir aufgerufen sind und die für uns gelten, sollten allen Menschen zu Gute kommen. Das Motto "Schau auf dich, bleib zu Hause" gilt genauso auch für unsere Mitmenschen mit Behinderungen. Die dafür allenfalls im Einzelfall nötige individuelle Unterstützung und Begleitung ist daher festzustellen und zu gewährleisten.

Für die Zeit danach sollten wir uns merken, wie durch die Begrenzung des Lebensraums und der sozialen Kontakte die Lebensqualität abnimmt, und nicht vergessen, uns für die Inklusion aller in unser tägliches Gemeinschaftsleben einzusetzen.