Mein Berufsleben ist eine Abfolge von Krisen. Das ist als Krisenkommunikatorin per se keine ungewöhnliche Bestandsaufnahme, aber soll den nachfolgenden Text in einen nachvollziehbaren Kontext stellen. Es waren große und dramatische Krisen (das Grubenunglück von Lassing 1998, die 9/11-Anschläge 2001, der Tsunami 2004), Krisen, die nur für Teile der Bevölkerung oder der Wirtschaft (die Finanzkrise 2008/09) bedrohlich waren oder existenzielle Krisen einzelner Unternehmen (deren Name ich nicht nenne, da dies einen aktuellen oder nachträglichen Vertrauensbruch darstellen würde), die ebenso das Leben der jeweiligen Mitarbeiter auf den Kopf stellten, die ich alle intensiv miterlebte und bei denen ich mit der Kommunikation in der jeweiligen Funktion, die ich innehatte, betraut war.

Was allen Krisen gemein ist: Es sind auf Basis unsicherer Fakten rasch Entscheidungen zu treffen - und zu kommunizieren. Krisenmanagement und Krisenkommunikation gehen dabei Hand in Hand; nur wenn beides positiv bewältigt wird, kann die Krise erfolgreich gesteuert und überstanden werden.

Jede Krise verändert uns

- © violetkaipa - stock.adobe.com
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Das gilt auch für die Corona-Krise. Es gibt allerdings einen wesentlichen Unterschied: Diese Pandemie trifft alle Menschen (früher oder später, je nachdem, wo auf dem Erdball sie sich befinden), praktisch ausnahmslos. Für jeden verändern sich Lebensgewohnheiten, berufliche Möglichkeiten, Lernerfahrungen etc. radikal, und das für geraume Zeit. Jede Krise hinterlässt Spuren, bei den einzelnen Menschen, aber auch im Kollektiv. Das können neue gesetzliche Regelungen sein, veränderte Produktions- oder Kontrollmechanismen oder eine Neuaufteilung von Zuständigkeiten. Nach der Finanzkrise 2008/09 etwa wurden für Banken und Finanzdienstleister neue Regeln etabliert, die EU schuf neue Institutionen und Mechanismen, um diesen Sektor immuner gegen Krisen zu machen.

Zu glauben, die Corona-Krise würde ohne massive Veränderungen vorübergehen, wäre naiv. Diesmal werden sich die Veränderungen auch nicht auf eine Branche, auf einen Bereich beschränken, sondern vielfältig und umfassend sein. Und dazu kann eine Krise durchaus gut sein: Veränderungen, die sonst kaum oder nur gegen großen Widerstand durchzuführen wären, überhaupt erst möglich zu machen und zu beschleunigen.

Was wir lernen könn(t)en

Die neue Lebenssituation, mit der wir derzeit und wohl noch einige Zeit konfrontiert sind, ist einschränkend, für viele wirtschaftlich bedrohlich und in vielen Fällen extrem belastend. Und wahrscheinlich so herausfordernd, dass die aktuelle Perspektive einen Blick über die Krise hinaus kaum erlaubt. Doch die Corona-Krise eröffnet auch kollektive Lernmöglichkeiten. Einige davon erscheinen dazu geeignet, gesellschaftliche Prioritäten etwas zu verschieben beziehungsweise neu zu definieren und insgesamt positive Veränderungen zuzulassen:

Der Generationen-Gap wird kleiner: Nicht wenige Ältere in unserer Gesellschaft (vor allem die humorbegabteren unter ihnen) sind geradezu verblüfft, dass sie nun offiziell "schützenswert" sind. Die Vertreter des "Alten Eisens" erfahren eine neue Wertschätzung, und dies zu Recht. Anders verhält es sich allerdings in den USA, wo Politikern laut darüber nachdenken, ob die ältere Generation in der Corona-Krise nicht noch einmal ein letztes Opfer zugunsten des wirtschaftlichen Überlebens bringen sollte - nämlich im Zweifelsfall zu sterben. Ein solcher Zynismus darf nicht der europäische Weg sein.

Achtung für Systemerhalter: In dieser Krise wird deutlich wie selten, wer die Systemerhalter sind, seien es Pflegepersonal, Verkäufer, Lehrende, Müllabfuhr, Mitarbeiter bei kritischer Infrastruktur, aber genauso Medienvertreter oder Beamte, die sämtliche Staatsmaßnahmen in Rekordzeit umsetzen und administrieren. Es sind meist Berufsgruppen, die in unserer Gesellschaft keine besonders hohe Reputation genießen und oft auch eine dementsprechend geringere finanzielle Anerkennung erfahren.

Abschied von der "Instant Gratification": Auf etwas warten zu müssen, nicht alles sofort haben zu können, was man gerade gerne hätte, erfordert Disziplin. Wohlstand, Bestellmöglichkeiten per Mausklick und permanente Verfügbarkeit von Konsumgütern haben diese Eigenschaft vergessen lassen. In Zeiten mangelnder Verfügbarkeit an Raum und (Konsum-)Möglichkeiten wird diese Eigenschaft fast lebensnotwendig - schlicht, um ein friedliches Zusammenleben zu gewährleisten. Disziplin ist die Schwester der Rücksicht.

Das große Ausmisten: Was anfangs oft nur als Beschäftigungstherapie dient, wird auf einmal umfassender: Es braucht keine Unterweisungen mehr von der Entrümpelungsexpertin Marie Kondo, jetzt wird aufgeräumt und aussortiert. Doch eine ganze Reihe von Menschen (was zugegeben ein Wohlstandsproblem ist) überlegt, ob sie Zweitfernseher, Zweitwagen etc. wirklich brauchen. Eine massive Krise wie diese wirkt auch durchaus als Katharsis.

Ein neues Bewusstsein für Zeit: Bis vor kurzem haben wir unter kollektiver Zeitnot gelitten, jeder war im Stress, hatte tausend Dinge zu erledigen und schob eine ganze Halde an Unerledigtem vor sich her. Schlagartig hat sich für viele - natürlich vor allem nicht für die, die gerade im akuten Kriseneinsatz sind - die Situation geradezu umgekehrt. Und es wird nicht mehr lange dauern, bis sich kollektive Langeweile breitmacht. Langeweile, so der Philosoph Marc Wittmann, "intensiviert auf unangenehme Weise die Selbstwahrnehmung und die Zeitwahrnehmung". Das kann für das Wir-Bewusstsein durchaus langfristigere Folgen haben, ähnlich dem Wir-Bewusstsein, in dem wir vorher alle durch das Leben gehastet sind.

Die kluge Philosophin Natalie Knapp, deren Buch "Der unendliche Augenblick" gerade jetzt Zuversicht vermitteln kann, betont, dass "Akzeptanz die Voraussetzung für einen Neubeginn" sei. Radikale Veränderungen, wie sie eben passieren, zu akzeptieren, fällt niemanden leicht. Doch je schneller wir uns in diese neue Welt fügen und die Welt von gestern hinter uns lassen, umso mehr haben wir die Chance auf eine bessere Welt von morgen.