Die globale Ausbreitung der Corona-Pandemie führt uns eindringlich vor Augen, dass die Menschheit keineswegs immun gegen tödliche Viren ist. Derzeit ist Covid-19 der Pharmakologie noch entscheidende Schritte voraus. Hier mag ein Blick zurück ratsam sein: Wie haben die Menschen früher auf Massenerkrankungen reagiert, welche Schlüsse lassen sich hieraus ziehen?

Alexander Pinwinkler ist Privatdozent für Zeitgeschichte an der Universität Wien und Lehrbeauftragter an der Universität Salzburg. Er ist Autor zahlreicher Publikationen zur Wissenschafts-, Universitäts- und Zeitgeschichte. - © privat
Alexander Pinwinkler ist Privatdozent für Zeitgeschichte an der Universität Wien und Lehrbeauftragter an der Universität Salzburg. Er ist Autor zahlreicher Publikationen zur Wissenschafts-, Universitäts- und Zeitgeschichte. - © privat

Seuchenzüge sind welthistorisch keine Ausnahme, sondern eher eine periodisch wiederkehrende Konstante. Dass wir uns mit dem Coronavirus und der dadurch bewirkten vorübergehenden Einschränkung unserer Bewegungsfreiheit so schwertun, lässt sich wohl auch damit begründen, dass wir Pandemien wie die Spanische Grippe (1918 bis 1920) weitgehend aus dem kollektiven Gedächtnis verdrängt haben. Jetzt wird zunehmend deutlich, dass diese mit bis zu 50 Millionen Toten folgenreichste Pandemie des 20. Jahrhunderts neben menschlichen Verlusten auch gesellschaftliche und politische Konsequenzen hatte, die bisher vielleicht zu wenig beachtet wurden. So hatte laut der US-Historikerin Tara Zahra die Krise der wirtschaftlichen Globalisierung der 1920er einen wesentlichen Hintergrund in den Auswirkungen der Spanischen Grippe.

Wir können noch nicht vorhersehen, ob Sars-CoV-2 vergleichbare Effekte einer partiellen De-Globalisierung (und eines längerfristigen Rückgangs der globalen Migration und Reisetätigkeit) nach sich ziehen wird, wie sie Zahra als Folgen der Spanischen Grippe für die Zwischenkriegszeit postuliert. Was indes schon jetzt zu beobachten ist, sind unterschiedliche Reaktionen auf die Epidemie. Das Sperren von Grenzen, die Errichtung von militärisch gesicherten "Cordons sanitaires" und Quarantänestationen an stark frequentierten Handelsplätzen gehörten seit der frühen Neuzeit zum Repertoire an Maßnahmen staatlicher Autoritäten gegen die Verbreitung von Seuchen. Doch Staaten und Gesellschaften agieren bis heute durchaus unterschiedlich und oft zeitlich verzögert auf Pandemien so auch jetzt. Wenn man etwa die zwiespältige Haltung des britischen Premiers Boris Johnson betrachtet, ist man versucht, an den "Great Famine" in Irland 1845 bis 1849 mit rund einer Million Toten zu denken. Die von der Laissez-faire-Ideologie beherrschte britische Politik unterschätzte die Folgen der Missernten so massiv, dass die irische Hungerkatastrophe noch erheblich verschärft wurde.

Zu Verharmlosern der aktuellen Pandemie zählen vornehmlich rechtspopulistische Politiker, lange Zeit etwa US-Präsident Donald Trump und nach wie vor sein brasilianisches Pendant Jair Bolsonaro, der das Virus eine "gripezinha" (kleine Grippe) genannt hat. Andere wie Ungarns Premier Viktor Orbàn suchen die vermeintliche Gunst der Stunde zu nutzen, um ihre Machtbasis zulasten des Parlaments auszubauen.

Typen wir jene, die bis zuletzt in zynischer Weise Corona-Partys gefeiert und Fake News verbreitet haben, gab es aber auch schon in früheren Zeiten. Hierzu lese man Heinrich Heines Bericht über die Cholera-Epidemie im März 1832 in Paris: Die Pariser Redouten seien genau an jenem Tag, als die Ankunft der Cholera in der französischen Hauptstadt gemeldet wurde, besonders gut besucht gewesen. Auf den Boulevards habe man Masken erblickt, die die Furcht vor der Cholera und die Krankheit selbst verspotteten.

Europa hat letztlich
auch die Cholera besiegt

Folgt man Heines Ausführungen, fühlt man sich an Verschwörungstheorien erinnert, wie sie auch heute über die Ursprünge des Coronavirus grassieren. Die Pariser Bevölkerung soll 1832 weithin Gerüchten geglaubt haben, wonach in die Lebensmittel gestreutes Gift für die plötzlich massenhaft auftretenden Todesfälle verantwortlich sei. Dies hatte wohl auch damit zu tun, dass die Symptome der Cholera einer akuten Arsenvergiftung ähnelten. Nicht wenige Menschen seien daraufhin dem Volkszorn zum Opfer gefallen, der sich in blinder Wut gegen Unschuldige gerichtet habe, heißt es.

Offensichtlich gibt es also analoge kollektive Verhaltensmuster, die weitgehend unabhängig vom jeweiligen politischen oder wirtschaftlichen System zu beobachten sind. Jede Seuche ist etwas Fremdes und Unbekanntes, die Menschen reagieren häufig zunächst verstört und suchen nicht zuletzt nach Sündenböcken. Dass sie aber auch lernfähig sind, verdeutlicht die aktuelle Corona-Krise. So werden über lange Zeit zu wenig beachtete Berufsgruppen wie Pflegekräfte, Supermarktkassiererinnen oder Lkw-Fahrer nun ebenso vermehrt geschätzt wie ein intaktes öffentliches Gesundheitssystem, das nicht allein ökonomischen Sparzwängen unterworfen sein sollte.

Blickt man etwa auf die Cholera-Epidemien des 19. Jahrhunderts, so lässt sich auch hier konstatieren, dass derartige Krisen bewältigt werden können. Verstärkte Bemühungen um die individuelle und kollektive Hygiene, Assanierungen von Städten und das Entstehen der modernen Bakteriologie brachten die Cholera in Europa letztlich weitgehend zum Verschwinden. Welche Lehren für die Zukunft die Gesellschaft aus der Corona-Krise ziehen wird, bleibt vorerst offen. Das Bewusstsein dafür, dass uns das Virus in vieler Hinsicht verändern wird, scheint sich aber bereits jetzt zunehmend auszuprägen.