Am 13. März 2013 wurde der heute 83-jährige argentinische Kardinal Jorge Mario Bergoglio SJ zum Papst gewählt. Er gab sich den Namen Franziskus - in Erinnerung an Franz von Assisi, der in der Wirklichkeit der Armen lebte. Sein erster offizieller Auftritt außerhalb Roms führte ihn nach Lampedusa, wo er sich mit den Flüchtlingen solidarisierte und ihrer im Mittelmeer ertrunkenen Kinder gedachte.

Gerhard Oberkofler war Universitätsprofessor für Geschichte an der Universität Innsbruck. - © privat
Gerhard Oberkofler war Universitätsprofessor für Geschichte an der Universität Innsbruck. - © privat

Ostern muss kein religiöses Fest der Auferstehung sein, es kann Aufstehen bedeuten und Übergang von Knechtschaft zur Befreiung. Nur so werden die Konturen des historischen Jesus von Nazareth wieder zur gesellschaftspolitischen Inspiration. Jesus war Angehöriger eines kolonisierten Volkes, er wurde unter einem kolonialistischen Gouverneur gekreuzigt, weil er mit elementaren Gleichnissen gegen die ungerechte Gesellschaftsordnung einer mächtigen Staatsmacht auftrat. "Man tötet den, der stört", so beendete der 1980 im Auftrag reicher Eliten ermordete Erzbischof Óscar Romero eine seiner Predigten. Er trat für eine Kirche der Armen für die Armen ein, am 14. Oktober 2018 wurde er trotz höchstrangiger Widerstände von Franziskus heiliggesprochen.

Grausamste und massenhafte Hinrichtungen hat die Kirche über Jahrhunderte selbst praktiziert. Erst Franziskus erklärte die Todesstrafe als unzulässig, "weil sie gegen die Unantastbarkeit und Würde der Person verstößt". Die Justiz müsse sich am "Dienst am Menschen" orientieren. Im Bewusstsein einer "Wirtschaft, die tötet", forderte der Papst am 15. November 2019 vor Teilnehmern der internationalen Strafrechtsgesellschaft, von der praktizierten Klassenjustiz abzugehen und die erniedrigende Selektivität der Verfolgung zu beenden. Das globale Finanzkapital stehe "am Ursprung schwerwiegender Straftaten, die die Schwere von Verbrechen gegen die Menschlichkeit haben".

In seinem Schreiben "Querida Amazonia" vom 2. Februar 2020 bat der Papst erst um Vergebung für die Teilnahme der Kirche an der mörderischen Versklavung indigener Völker und appellierte dann angesichts der "gegenwärtigen Formen der Ausbeutung von Menschen, Gewalttätigkeit und des Tötens" eindringlich: "Man muss sich empören!" Franziskus reflektiert das Empfinden der unterdrückten Völker mit der Poesie des chilenischen Kommunisten Pablo Neruda. Es ist kein Zufall, dass Weltrevolutionäre wie Lenin oder Mao Literaten zur Teilnahme am Gesamtprozess der geschichtlichen Veränderung zum "neuen Menschsein" hin aufforderten. Franziskus versucht im Aufgreifen der befreiungstheologischen Praxis einiger lateinamerikanischer Ortskirchen, die Weltkirche aus ihrem korrumpierten und korrumpierbaren Raum herauszubringen. Es ist schändlich, dass gerade ihn einige sich an heimischen Theologiefakultäten ausbreitende, an der Zölibatsfrage fixierte Laientheologen kritisieren. Ein deutscher Dogmatiker an der Universität Wien nannte Franziskus "eine Enttäuschung". Dieselben kleinbürgerlichen Schichten bejubelten seine beiden Vorgänger, die an Wendepunkten der Geschichte als Ideologen der reichen Länder und der westlichen Kultur agierten. Der größte Teil der Menschheit ist von der materiellen Realität existenziell bedroht. Franziskus nimmt deren Position ein. Seine Weckrufe sollten nicht überhört werden.