Die Corona-Krise hat die wichtige Rolle des heimischen Luftverkehrs deutlich gemacht: Wer hätte tausende Österreicher schnell aus dem Ausland heimgeholt? Wo hätten die Flüge landen sollen, wenn es nicht auch in der Krise einen leistungsfähigen Flughafen Wien gäbe? Wer sollte Versorgungsgüter, Masken, Schutzanzüge, Medikamente schnell dorthin bringen, wo sie dringend benötigt werden? Auch wenn nun fast alle Flugzeuge stillstehen, ist der Wert eines leistungsfähigen Luftverkehrsystems, das sofort einsatzbereit ist, plötzlich für jeden greifbar - aber leider auch allzu selbstverständlich. Europa braucht gerade in der Rezession nach der Krise eine leistungsfähige Luftfahrt, um nicht gegenüber anderen Weltregionen deutlich und dauerhaft ins Hintertreffen zu geraten. Damit die Luftfahrt ihre Rolle beim Wiederaufbau der Wirtschaft leisten kann, muss sie rasch und zielgerichtet unterstützt werden:

Politische Belastungen müssen temporär ausgesetzt und überdacht werden.

Unnötige regulatorische Kosten müssen schnell abgebaut werden.

Fluggesellschaften und Flughäfen benötigen nicht diskriminierende finanzielle Unterstützung, wofür die EU-Regeln für Staatsbeihilfe angepasst werden müssen.

Staatsbeteiligungen sind in dieser Ausnahmesituation tragbar, weil der Staat, und damit wir alle, so an der Wiederherstellung des Luftverkehrssystems direkt teilhaben kann. Nur muss sich der Staat wie ein passiver Finanzinvestor und nicht als strategischer Investor verhalten.

Es braucht eine temporäre Ausnahme vom Kartellverbot, um Europas Luftverkehrsnetz koordiniert wieder aufzubauen.

Sehr viele Airlines sind auch in guten Jahren wenig profitabel

Das wird nicht leicht sein, denn die Resilienz der Luftfahrt gegen Krisen in der Vergangenheit wird nicht reichen. Auch in Österreich zeigte sie immer bemerkenswerte Resilienz: 9/11, Sars, Vogelgrippe, Wirtschaftskrise 2008/2009, Arabischer Frühling, Vulkanausbrüche. Alle diese Krisen hatten globale Auswirkungen, weil die Fluggesellschaften ihre Produktionsmittel rasch zwischen Wirtschaftsregionen verschieben. Auch regionale Krisen treffen die Luftfahrt immer global. Und das, wo die allermeisten Fluggesellschaften selbst in guten Jahren wenig profitabel sind. Dennoch: Nach wenigen Monaten hatte sich die Luftverkehrsnachfrage immer erholt. Der Einbruch war immer V-förmig. Ebenso regelmäßig sind einige Marktteilnehmer aus dem Markt ausgeschieden. Krisen sind ein Katalysator für die Konsolidierung. Das mag man gut finden - oder wegen der Marktmacht der Big Player bedauern.

Aber die Corona-Krise hat eine völlig neue Dimension: Der europäische Passagierflugverkehr steht erstmals fast völlig still. Laut Eurocontrol ist die Zahl der Flüge um 88 Prozent zurückgegangen - in Österreich sogar um 97 Prozent. Weil viele der noch durchgeführten Flüge Frachtflüge sind, ist der Rückgang der Passagierflüge noch drastischer. Im Jahr 2020 werden laut IATA-Schätzungen alleine die Fluggesellschaften weltweit knapp die Hälfte ihrer Einnahmen oder 252 Milliarden US-Dollar verlieren. Rigorose Kostenreduktionen können nur Teile davon kompensieren, weil auch ohne Flugbetrieb erhebliche Fixkosten weiterlaufen: Leasing- und Kapitalkosten für Flugzeuge; Finanzierungskosten für Infrastrukturinvestitionen; Kosten, um Maschinen flugtauglich und Crews einsatzbereit zu halten. Von regulatorischen Kosten wie Entschädigung- und Versorgungskosten für Passagiere gar nicht erst zu reden - denn Europas Behörden reagieren rasch bei der Einschränkung von Flügen, aber langsam bei der Anpassung kostenintensiver Vorschriften. Allein in Österreich sind rund 90.000 Jobs betroffen, die direkt oder indirekt mit der Luftfahrt zusammenhängen. Und es wird keine rasche Nachfrageerholung geben: Das V in der Wachstumskurve wird ein breites U werden, denn erstmals überlappen sich mehrere Faktoren:

Die Weltregionen sind nacheinander betroffen. Ist Covid-19 in einer Region ausgestanden, beginnt die Krise in anderen.

Den Maßnahmen zur Eindämmung der Krise werden Firmenpleiten folgen - die Geschäftsreisenachfrage wird länger niedrig bleiben als bei früheren Krisen.

Die Nachfrage nach Urlaubsreisen wird länger gedämpft bleiben. Weil die Maßnahmen irrationale Ängste vor dem Reisen an sich erzeugen. Weil die wirtschaftlichen Sorgen wegen Rezession und Arbeitslosigkeit viele zum Verzicht auf Urlaube zwingen. Weil Regierungen die Kosten für die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Maßnahmen nur durch zusätzliche Besteuerung derjenigen stemmen können, die zunächst weniger davon betroffen sind.

Europa drohen viele Luftfahrtpleiten

Die IATA rechnet für Europa mit Kapazitätsrückgängen um 90 Prozent im zweiten Quartal, um 45 Prozent im dritten Quartal und um 10 Prozent im vierten Quartal. In Asien und Nordamerika werden die Kapazitätsrückgänge mit 50 Prozent im zweiten, 25 Prozent im dritten und 10 Prozent im vierten Quartal weniger dramatisch sein. Nun haben aber auch Europas Airlines eine dünne Liquiditätsdecke: Laut dem renommierten Institut Center for Aviation reicht ihre Liquidität bei so drastischen Einnahmenrückgängen bestenfalls drei Monate. Ohne rasche staatliche Hilfen werden viele Fluglinien und in der Folge viele Flughäfen in existenzbedrohende Lagen kommen.

Andere Weltregionen - vor allem China, die Golfregion und die USA - werden ihre Luftfahrt rascher und umfangreicher unterstützen. Handhabt Europa das jetzt nicht anders, drohen viele Airline- und Flughafenpleiten, sodass Europas Fluggesellschaften rasch weiter an Marktanteilen im internationalen Luftverkehr verlieren und die Fluganbindung der europäischen Wirtschaft noch mehr von Airlines abhängig wird, deren Kernmarkt nicht Europa ist.

Europas Luftfahrt braucht in der Krise konsequentes Handeln trotz populistischer Gegenströmungen. Kritiker der Reisefreiheit werden die Krise nutzen, um ihre Argumente zu untermauern - und "unnötiges" Fliegen hintanzuhalten. Man mag rasch eine eigene Meinung darüber haben, was nötig und was unnötig ist, aber diese Meinungen werden recht unterschiedlich sein. Wollen wir aber auf die vielfältigen Wohlstandeffekte internationalen Handels, vor allem auch für weniger entwickelte Weltregionen, nicht verzichten, ist eine rasche Wiederherstellung internationaler Luftverkehrsverbindungen unerlässlich. Diese werden nur dann zu wirtschaftlich vernünftigen Preisen verfügbar sein, wenn auch viele Menschen mitfliegen, deren Reise manchen unnötig erscheint.