In den USA herrscht ein Fleischnotstand. In der Corona-Krise müssen große Schlachthöfe den Betrieb einstellen, Bauern finden keine Abnehmer für ihre Tiere, und in den Supermärkten wird die Ware knapp. Gleichzeitig sind die Verkaufszahlen von veganem Fleischersatz explodiert (plus 265 Prozent in den USA in den vergangenen acht Wochen). Nutzen wir doch diese schwierige Zeit, um die Welt von morgen zu gestalten, statt der Welt von gestern nachzutrauern. Dazu gehört auch, die Massentierhaltung, einen wichtigen Aspekt der Mainstream-Kultur, mit all ihren Folgen zu überdenken.

Jérôme Segal ist Historiker an der Pariser Sorbonne und Autor von "Vegan. Mehr denn je!" (Edition Konturen, März 2020). - © privat
Jérôme Segal ist Historiker an der Pariser Sorbonne und Autor von "Vegan. Mehr denn je!" (Edition Konturen, März 2020). - © privat

Der Essayist Jonathan Safran Foer hat einen einprägsamen Vergleich gezogen: "Stellen Sie sich vor, unser Militär erzählt uns, dass in den vergangenen Jahren fast jeder Terrorist im selben Trainingslager war und kein Politiker reagiert. Stellen Sie sich vor, wir wüssten, dass diese Terroristen Waffen entwickeln, die zerstörerischer sind als alle, die je eingesetzt wurden. Dies ist unsere Situation, wenn es um Pandemien und die Landwirtschaft geht." Fleischkonsum und das Entstehen gefährlicher Viren sind untrennbar miteinander verbunden. Der Anthropologe Claude Lévi-Strauss schrieb zur BSE-Epidemie: "Der Gedanke, dass die Menschen zu ihrer Ernährung Lebewesen züchteten und abschlachteten, wird in Zukunft den gleichen Widerwillen auslösen wie die kannibalischen Mahlzeiten der Wilden."

Fleisch schadet uns mehr als jedes andere Lebensmittel

- © dpa/Ronald Wittek
© dpa/Ronald Wittek

Es ist höchste Zeit, die Scheuklappen abzulegen. Das Coronavirus ist höchstwahrscheinlich in Wuhan auf einem Wildtiermarkt entstanden. Wie bei Sars oder Mers stammen diese Coronaviren von Fledermäusen, die dann über einen Zwischenwirt, wie Schuppentiere oder Dromedare, auf den Menschen übertragen wurden. Und nicht nur das: Bereits Ebola und Aids entstanden durch den Verzehr von Schimpansen. Genauso verhält es sich bei den "klassischen" Grippen: H5N1 kam von einer Vogelgrippe aufgrund von Massentierhaltung in der Hühnerzucht, ebenso bereits die Epidemien von 1957 und 1968 (asiatische und Hongkong-Grippe), die drei Millionen Tote forderten. Beim aktuellen Coronavirus wissen wir noch nicht, wie viele Menschen sterben werden, aber es sind jetzt, nach vier Monaten, bereits gut 220.000 Todesopfer zu beklagen. Schweinefarmen fungieren als Brücke zwischen Vögeln und Menschen, wobei neue Subtypen, wie H3N2, entstehen können. Eine Pandemie in der Größenordnung der Spanischen Grippe - 30 Millionen Tote - ist also jederzeit wieder möglich.

Die WHO führt seit 2015 verarbeitete Fleischprodukte als krebserregend und rotes Fleisch als wahrscheinlich krebserregend. Aber der Schaden, den die Massentierhaltung nach sich zieht, geht weit darüber hinaus. 73 Prozent der verbrauchten Antibiotika werden in landwirtschaftlichen Betrieben eingesetzt, was beunruhigende Antibiotika-Resistenzen verursacht. In einer WHO-Meldung wurde die Zahl der Menschen, die jährlich wegen Antibiotika-Resistenz sterben, auf 700.000 geschätzt.

Eine Karotten-Grippe oder eine neurodegenerative Kichererbsen-Krankheit hat es noch nie gegeben, der Rinderwahn jedoch verursacht eine Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit. Fleisch schadet uns mehr als jedes andere Lebensmittel. Bereits vor 13 Jahren stellten Epidemiologen fest: "Es überrascht nicht, dass drei Viertel der neuen Krankheitserreger von Tieren oder Tierprodukten stammen." In Amazonien wird für die Fleischindustrie brandgerodet, um Sojabohnen für das Vieh anzubauen. Warum hören wir nicht mit diesem Wahnsinn auf? Millionen Veganerinnen und Veganer beweisen, dass man sehr gut ohne tierische Produkte leben kann.

Einer der stärksten Männer
der Welt ist Veganer

Einer der meistgesehenen Dokumentarfilme, "The Game Changers", zeigt in Porträts von Spitzensportlern wie auch "gewöhnlichen" Bürgern, dass eine Ernährung mit tierischen Produkten schädlich ist. Zu den Protagonisten gehört Patrik Baboumian, der einer der stärksten Männer der Welt und Veganer ist. Wie schafft er es, "stark wie ein Ochse" zu sein, ohne Fleisch zu essen? Seine schnippische Antwort: "Haben Sie jemals einen Ochsen Fleisch essen sehen?"