75 Jahre Kriegsende - drei Generationen sind seither geboren. Sie haben in Mitteleuropa den fürchterlichen Alltag des Krieges, den Rassenwahn der NS-Diktatur und die brutale Verfolgung jener, die auf der anderen Seite des Regimes standen, sowie das Leid der ersten Nachkriegsmonate nicht durchmachen müssen. Unter den Folgen leiden Ältere und Jüngere bis heute.

Stefan Karner gründete und leitete bis 2018 das Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgenforschung (Graz/Wien/Raabs) und war Vorstand des Instituts für Wirtschafts-, Sozial- und Unternehmensgeschichte der Universität Graz. - © BIK
Stefan Karner gründete und leitete bis 2018 das Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgenforschung (Graz/Wien/Raabs) und war Vorstand des Instituts für Wirtschafts-, Sozial- und Unternehmensgeschichte der Universität Graz. - © BIK

Jene, die ihr Trauma aus Erlebnissen an der Front oder im Kriegsgefangenenlager bis heute mit sich schleppen; jene, deren Familien im Krieg zerrissen wurden; jene, die als Jugendliche bei uns Zwangsarbeit leisten mussten und nach ihrer Rückkehr, sei es nach Süditalien, Frankreich oder in die ehemalige Sowjetunion, als Ausgestoßene, wenn nicht als Verräter galten, mit allen Folgen für ihre Familien und Kinder, die oft keine höheren Schulen besuchen durften.

"Zwei Schwestern treffen einander nach 78 Jahren wieder", titelte unlängst der Hamburger "Spiegel" über Julia und Rosa C. Die zwei Schwestern hatte die Stalingrader Schlacht getrennt, wie es schien, für immer. Nun versuchen die beiden, im hohen Alter nachzuholen, was sie in 75 Jahren an Schwesterliebe entbehren mussten.

Es ist eines von tausenden Trennungsschicksalen. Der Kärntner Leopold P. verhungerte im Jänner 1943 im mordowischen Lager. Seine Frau hoffte jahrzehntelang auf seine Rückkehr, ließ ihn nicht für tot erklären und verzichtete auf Rentenzahlungen. Erst im Vorjahr gelang es, russische Erde von seiner Grablage dem Grab seiner Frau beizulegen.

Die Russin Lilija verschleppte man mit vier Jahren nach Deutschland: Ostarbeiterlager, Hunger, Arbeit, Schläge, Kriegsende, Befreiung durch die Amerikaner. Mit der Rückkehr in die Sowjetunion begann ihr zweiter Leidensweg, nun in den sibirischen Wintern, als Vaterlandsverräterin, später als Bürgerin zweiter Klasse. Erst der russische Präsident Boris Jelzin hat 1995 die administrative Repression der Millionen Repatrianten aus deutschem Gewahrsam aufgehoben.

Das Ludwig-Boltzmann-Institut für Kriegsfolgenforschung hat seit seiner Gründung vor 27 Jahren zehntausende Anfragen zu Vermissten, ihren Kindern und Enkeln und von Kindern des Krieges, die ihre Väter suchen, bekommen. Vielen kann geholfen, Ungewissheit genommen werden. Mehr als 12.000 fanden wir bisher in der ehemaligen Sowjetunion, 90.000 Grablagen von Sowjetbürgern fanden wir in Österreich (vor allem Peter Sixl). Dies in Kooperation mit dem Österreichischen Schwarzen Kreuz und vor allem mit den zentralen Archiven in Russland und dank vieler Hilfestellungen von Einrichtungen in Deutschland, Italien, Frankreich und den USA.

Allein die archivierten Lebensgeschichten auszuwerten, würde Europa (vom Ural bis an die Atlantikküste) im noch immer sichtbaren und gemeinsam aufgearbeiteten Leid ein großes Stück an Identität geben, das es gerade heute dringend braucht - auch wenn die Suche bis heute, 75 Jahre nach dem Krieg, andauert. Denn die Wunden bluten noch immer.