Das Coronavirus hat uns fest im Griff. Einerseits hält es uns brutal einen Spiegel vor und fordert uns in seiner Komplexität. Selten wurde uns bewusst vor Augen geführt, wie gefährlich Ignoranz und Dummheit sein können und warum Solidarität und Bildung (inklusive Herzensbildung) nicht nur für das Denken, sondern auch für das Handeln einer aufgeklärten Zivilgesellschaft elementar sind. Die weitreichenden Auswirkungen dieser Krise sind vielen noch gar nicht bewusst. Wie wichtig Qualitätsjournalismus und die verständnisvolle Vermittlung von Informationen sind, stellt nach dieser Pandemie wohl niemand mehr in Frage. Die mit dem ungewissen weiteren Verlauf verbundenen Folgen und die damit einhergehende Planungsunsicherheit treffen viele Menschen und Branchen hart - ja, sie sind existenzbedrohend. Und mit Blick auf die Gesamtsituation mache ich mir auch große Sorgen um den Fortbestand unserer Hochkultur. Umso wichtiger erscheint die Frage: Wollen wir diesmal etwas aus der Krise lernen?

Christian Vranek ist Kulturmanager. 2009 gründete er das Beratungsunternehmen Culture Creates Values, davor war er unter anderem am Aufbau des Festspielhauses St. Pölten und an der Musikuniversität Wien in leitenden Funktionen tätig. - © Gerlinde Miesenböck
Christian Vranek ist Kulturmanager. 2009 gründete er das Beratungsunternehmen Culture Creates Values, davor war er unter anderem am Aufbau des Festspielhauses St. Pölten und an der Musikuniversität Wien in leitenden Funktionen tätig. - © Gerlinde Miesenböck

Eines zeigt sich ganz besonders: wie wichtig die physisch menschliche Begegnung ist. Als die Kunst ihren Betrieb einstellen musste, starteten viele Aktivitäten im Netz, die unter anderem auf die unmittelbare Notsituation vieler freier Künstler aufmerksam machten. Doch ein Ersatz ist die Kunst im Netz ebenso wenig wie etwa die Arzt- oder Psychotherapiepraxis im Netz. Überall dort, wo es um das gesamte Erfassen geht, um das Einfühlen und Erleben, das gilt ebenso für das Abhalten von Seminaren, die professionelle Unternehmensberatung, aber auch das Genießen der Atmosphäre eines Restaurants oder das Treffen mit Freunden und Verwandten etc. - wir brauchen die physische Begegnung. Corona hat in vielen Fällen gezeigt, wie abgestumpft wir schon sind. Wenn diese Krise die Freude am Empfinden abseits der digitalen Welt stärkt und die damit verbundene Bewusstheit für Begegnung und Achtsamkeit im Umgang mit Mitmensch und Natur im globalen Kontext, kann zumindest hier etwas Positives geschehen. Eine wieder stärkere Empfindsamkeit würde auch helfen, die klimatischen Veränderungen zu spüren. Auch für die Kunst, die sich in vielen Bereichen immer mehr vor den Eventkarren hat spannen lassen, wäre es im Sinne ihrer Rezeption von Vorteil. Da sie bei all ihren Facetten so viel zur Lebensfreude beitragen kann, ist sie alleine schon deshalb systemrelevant. Und da sie damit verbunden ganz wesentlich das belebt, was wir so unter Wirtschaft verstehen, ist sie es im mehrfachen Sinne.

Gerade freie Künstler haben eine sehr schwere Zeit, einerseits ökonomisch, andererseits leben sie vom Austausch und von der Begegnung mit dem Publikum. So gesehen ist es nur klug, für diesen Sommer anspruchsvolle Kulturprogramme zu entwickeln, um ihnen heuer die mehr als verdiente Bühne zu bieten - im kleinen, aber feinen Rahmen. Sie können eine Gesellschaft, die Gemeinden, den Tourismus und damit verbunden auch die Gastronomie und Hotellerie beleben und bereichern und die für Hochkultur so elementare Feinheit zurückbringen. Wer weiß, vielleicht bemerken die Menschen dabei, wie besonders das bewusste Erleben von Kunst im überschaubaren Rahmen ist und wie erfrischend es auch sein kann, sich einmal auf noch nicht Bekanntes einzulassen. Die Kooperation der Beteiligten ist jedenfalls gefragt. Daran sollten wir alle arbeiten - durchaus im eigenen Interesse.