In diesen Tagen der Corona-bedingten Polarisierung findet eine bezeichnende Formulierung ausgedehnte Verwendung: das Gerede von der "Salonfähigkeit" politischer Gegner. In Deutschland analysierte die Bertelsmann-Stiftung, die Pandemie habe "Nationalismus und Klientelpolitik weltweit salonfähig" gemacht, während das Bündnis gegen Rechts in Berlin davor warnte, in den aktuellen Corona-Protesten rechtes Gedankengut "nicht nur salonfähig" zu machen, sondern es auch mitzutragen. In Österreich hingegen raunte die FPÖ, die Bundesregierung wolle mit der Corona-App "den Überwachungsstaat salonfähig machen".

Michael Bröning ist Politikwissenschafter, Publizist und Mitarbeiter der Friedrich-Ebert-Stiftung. Zuletzt erschien von ihm gemeinsam mit Michael Wolffsohn "Stadt, Land, Volk". Bröning ist Mitglied der SPD. - © Johanna Kosowska
Michael Bröning ist Politikwissenschafter, Publizist und Mitarbeiter der Friedrich-Ebert-Stiftung. Zuletzt erschien von ihm gemeinsam mit Michael Wolffsohn "Stadt, Land, Volk". Bröning ist Mitglied der SPD. - © Johanna Kosowska

Die Beispiele von entgegengesetzten Polen des ideologischen Spektrums zeigen: Die Floskel der "Salonfähigkeit" überschreitet Parteigrenzen. Über Jahre wurde sie zumindest in Deutschland hingegen vordringlich bemüht, um jeden Kontakt mit der Linkspartei zu unterbinden. Doch bei aller aktuellen Vielseitigkeit bleibt die Idee der "Salonfähigkeit" ein merkwürdiges geografisches Unikat. Außerhalb des deutschsprachigen Raums trifft sie nämlich kaum auf Resonanz.

Sprachlich ist der Salon ein Anachronismus. - © Château de Malmaison/Anicet Charles Gabriel Lemonnier
Sprachlich ist der Salon ein Anachronismus. - © Château de Malmaison/Anicet Charles Gabriel Lemonnier

In der Übersetzungsarbeit der Europäischen Union - etwa im EU-Parlament und in der EU-Kommission - schafft es der Begriff des "Salons" nur in den seltensten Fällen über linguistische Grenzen. Die Formel wird im Italienischen meist einfach als "respektabel" umschrieben, während französische und englischsprachige Übersetzungen auf den allgemeineren Begriff der "Akzeptanz" zurückgreifen. Im Spanischen dagegen umschreiben Dolmetscher "salonfähig" meist schlicht als "präsentabel".

Der Vergleich zeigt: Bei der Idee der "Salonfähigkeit" scheint es sich um eine deutschsprachige Eigentümlichkeit zu handeln. Nur: Was sagt das aus über unser politisches Vokabular und letztlich über unsere politische Kultur? Klar ist: Die Wortführer der "Salonfähigkeit" sehen sich stets im Dienst des politischen Anstandes. Und in der Sache scheint das häufig durchaus gerechtfertigt. Doch ist der Begriff der "Salonfähigkeit" heute nicht vor allem eines: Aus der Zeit gefallen?

Sprachlich ist der Salon ein Anachronismus. In seiner Abgestandenheit erinnert der Begriff dabei lediglich an sein ebenso abgegriffenes rhetorisches Gegenstück: den so verachteten wie realiter seltener werdenden Stammtisch. Im Schwarz-Weiß-Universum beider Begriffe gibt der eine den düster dumpfen Kontrapunkt zum aufgeklärten Schein des anderen. Doch vor allem politisch ist der Begriff der "Salonfähigkeit" vorbelastet und absolut ungeeignet für einen demokratischen Diskurs.

Ein Handlungsfeld für Frauen

Sicher, historisch haben literarische, politische und musische Salons in der Entwicklung eines aufgeklärten und selbstbewussten Bürgertums nicht nur in Deutschland, sondern auch in Österreich und Frankreich eine tragende Rolle gespielt. Dies nicht zuletzt, weil sie gerade Frauen ein Handlungsfeld einräumten, das ihnen gesellschaftliche Schranken außerhalb privater Häuslichkeit vorenthielten. In bürgerlichen und aristokratischen Salons des 19. Jahrhunderts wurden überkommene Standesgrenzen erstmals zaghaft in Frage gestellt. Im Salon übte sich das Bürgertum gewissermaßen im Umgang mit monarchistischer Macht auf zumindest annähernd gleicher Augenhöhe.

Nicht zuletzt der Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas betrachtete Salons deshalb in einem frühen Werk zum "Strukturwandel der Öffentlichkeit" als "Zentren einer zunächst literarischen, dann auch politischen Kritik, in der sich zwischen aristokratischer Gesellschaft und bürgerlichen Intellektuellen eine Parität der Gebildeten" entwickelte. Doch ist dann nicht zu fragen, inwiefern eine Verknüpfung aristokratischer Privilegien mit großbürgerlichem Geist noch heute eine belastbare Richtschnur für demokratisch verfasste Gesellschaften abgeben kann?

Denn allem Fortschritt der Epoche zum Trotz: Der historische Salon war alles, aber kein Ort der Gleichheit. Die "Parität der Gebildeten", von der Habermas spricht, blieb stets selektiv und hierarchisch abgeschottet. Das aber war kein Zufall. Denn gerade die großbürgerlichen Salons des 19. Jahrhunderts eiferten in ihrem Repräsentationsdrang bewusst dem Ideal der aristokratischen Hofhaltung nach. Faktisch war nicht so sehr das Ideal republikanischer Égalité, sondern der Wunsch nach Nobilität Triebkraft des bürgerlichen Salons. In diesem Streben aber entspricht der heute so unkritisch akzeptierten "Salonfähigkeit" von politischen Akteuren historisch die geburtsrechtliche "Hoffähigkeit" von Untertanen.

Anti-egalitär und gefährlich

Bis zum Ende des Ersten Weltkriegs definierten strenge "Hofrangreglemente" in Wien wie an deutschen Höfen so penibel wie unerbittlich, wer als "hoffähig" galt und Zugang zum Zentrum der Macht erhielt. Selbstredend blieben dabei die allermeisten Menschen außen vor. Genau aus diesem Grund verspottete der Schriftsteller Kurt Tucholsky noch in der Weimarer Republik den elitären Geist der Salons. In der Weltbühne skizzierte er 1924 den prototypischen militaristischen General als Salonlöwen mit Mokkatasse am Kamin: "Es ist ein sehr feines Haus", schrieb Tucholsky, "man hat lauter gute Namen eingeladen. Die Menschen sind in der Garderobe abzugeben". Menschen, die draußen bleiben: Dieses Politikverständnis schwingt im Sprachbild der "Salonfähigkeit" mit. Ausschlusskriterium ist dabei jedoch nicht so sehr ein politisches Urteil, das auf richtig oder falsch abhebt, sondern eher die Nachwirkung einer dünkelhaften Abschottung zwischen unten und oben.

Das Echo klassenbasierter Überheblichkeit aber ist nicht nur anti-egalitär, sondern auch gefährlich. Schließlich stellt eine der Haupttriebkräfte der aktuellen populistischen Revolte in Europa der bewusst inszenierte Angriff auf politische Eliten dar. Hier die einfachen Leute, vertreten durch selbsternannte aufrechte Volkstribune, dort die entrückte etablierte Politik: Auf diese Formel lässt sich das demagogische Spiel vielerorts reduzieren. Wie aber wirkt es, wenn nun eben diese kritisierten Eliten in Reaktion auf die Revolte ein ums andere Mal über "Salons" und deren Zugangsvoraussetzungen debattieren?

Sicher erklärt kaum ein Sprachbild abschließend einen politischen Trend. Doch ist es ratsam, mit der Formel der "Salonfähigkeit" ausgerechnet diesem zentralen Argument der politischen Extreme in die Hände zu spielen? Mit einer impliziten Unterscheidung zwischen aufgeklärten Salons und den ungewaschenen Massen jedenfalls wird man dem Gespenst der politischen Echauffierung sicher nicht entgegenwirken können.

Klar ist, dass die wehrhafte Demokratie den Feinden der Freiheit nicht nur Grenzen setzen kann, sondern auch muss. Das ist und bleibt eine Selbstverständlichkeit. Doch diese Grenzen sollten eben nicht in eine rhetorische Form gegossen werden, die das Ansinnen der Gleichheit und der Freiheit konterkariert.

Der politische Gegner ist nicht "salonfähig"? Unsere Republik ist kein Salon. Deshalb: Schluss mit dem Gerede von der "Salonfähigkeit".