"Europa" - das ist ein Wort, das in den Ohren der meisten Amerikaner noch immer einen sehr guten Klang hat. Denn Europa, das steht für Kultur, das steht für Geschichte und Tradition, das steht für eine besondere Lebensart. Das klassische Reiseziel nach Abschluss des Colleges - vergleichbar mit der österreichischen Maturareise - führt noch immer nach Europa. Zumindest, wenn man es sich leisten kann. Einmal das Kolosseum in Rom sehen, einmal den Eiffelturm oder ja, einmal Wien, Prag oder Budapest.

Wirtschaftlich, kulturell, politisch und ideologisch ist Europa nach wie vor der engste Verbündete der USA. Die Zahlen sprechen für sich: Der Warenaustausch zwischen der EU und den USA hatte im Jahr 2019 einen Wert von 716 Milliarden Euro. Die USA sind damit der wichtigste Exportmarkt der EU und liegen deutlich vor China. Und das gilt auch umgekehrt: In keine Gegend der Welt exportieren die USA mehr Güter als in die EU.

Martin Weiss wurde 1962 geboren. Der Jurist begann seine Laufbahn 1990 im österreichischen Außenministerium und war unter anderem Generalkonsul in Los Angeles, Botschafter in Zypern und Israel. Seit 2019 ist er Österreichs Botschafter in den USA.  - © BMEIA/Mahmoud-Ashraf
Martin Weiss wurde 1962 geboren. Der Jurist begann seine Laufbahn 1990 im österreichischen Außenministerium und war unter anderem Generalkonsul in Los Angeles, Botschafter in Zypern und Israel. Seit 2019 ist er Österreichs Botschafter in den USA.  - © BMEIA/Mahmoud-Ashraf

Millionen von US-Bürgern sind auch stolz auf ihre europäischen Wurzeln: Etwa ein Drittel definiert sich als German-, Irish-, English-, Polish- oder Italian-American. Die Namen prominenter Amerikaner europäischer Abstammung sind allgegenwärtig - allein die Väter von drei US-Präsidenten waren zum Beispiel deutscher Abstammung: Dwight D. Eisenhower (eigentlich Eisenhauer), Herbert Hoover (eigentlich Huber) und Donald Trump.

In der Abnabelung von Europa entstanden

Die USA, das ist aber auch ein Staat, der in der Abnabelung von Europa entstanden ist. Bei der berühmten "Boston Tea Party" des Jahres 1773 warfen amerikanische Kolonialisten 342 Kisten feinsten englischen Tees in den Bostoner Hafen, um gegen die britische Kolonialpolitik und "unfaire" britische Steuern zu protestieren. Die Unabhängigkeitserklärung - die Geburtsstunde der Vereinigten Staaten von Amerika - folgte nur drei Jahre später.

Jung, dynamisch, mutig und zukunftsgläubig - so sahen und sehen sich die USA selbst. Europa ist hingegen für viele Amerikaner "die alte Welt", wo die familiären Wurzeln liegen, wo viel Geschichte zu Hause ist, aber eben auch jener Kontinent, den ihre Ahnen - oftmals in großer Not - verlassen haben, um sich eine neue Zukunft in Freiheit aufzubauen. Statistisch gesehen ist das mit der "alten Welt" nicht ganz unrichtig: Das Durchschnittsalter der europäischen Bevölkerung liegt bei 42,6 Jahren, in den USA sind es hingegen 38,2 Jahre. Die US-Bürger sind im Durchschnitt also deutlich jünger als die Europäer. So richtig jung ist das aber auch nicht: Der afrikanische Kontinent liegt etwa bei einem Durchschnittsalter von 19,7 Jahren!

Die Mehrheit der Amerikaner sieht beim Blick nach Europa nicht einen Kontinent, der gerade dabei ist, die Zukunft für sich zu erobern. Sondern vielmehr einen Kontinent, der seine besten Zeiten hinter sich hat, immer wieder von Krisen erschüttert wird (Finanz- und Schuldenkrise; Migrationskrise etc.) und die USA dringend als Partner braucht. Könnte Europa etwa heute - ohne die USA - seine eigene Sicherheit garantieren? Wohl kaum. Mit mehr als 700 Milliarden Dollar geben die USA für ihre Verteidigung mehr als dreimal so viel aus wie die gesamte EU. Und nur die USA haben heute das Potenzial, mit ihrer massiven Marine und Luftwaffe weltweit gleichsam über Nacht militärisch einzugreifen, sollten sie sich dazu entschließen. Und, auch das ein deutlicher Unterschied zu Europa: Acht von zehn Amerikanern antworten auf die Frage, ob ein Staat manchmal seine militärische Macht einsetzen müsse, mit einem klaren Ja. Der US-Psychologe Abraham Maslow hat das einmal so erklärt: "Wer einen Hammer hat, der neigt eben dazu, jedes Problem als einen Nagel zu betrachten."

Ein in vielen Fragen gespaltener Kontinent

Dazu kommt, dass Europa aus US-Sicht ein in vielen Fragen gespaltener Kontinent ist. Dem legendären ehemaligen US-Außenminister Henry Kissinger wird das Zitat zugeschrieben: "Wenn ich mit Europa sprechen will, welche Telefonnummer soll ich denn da eigentlich anrufen?" Daran hat die Entstehung der Europäischen Union nur wenig geändert. In Sachen EU-Handelspolitik oder EU-Kartellrecht, ja, dann spricht Europa mit einer Stimme. Dann gibt es "eine europäische Telefonnummer". Und nicht immer ist das, was die USA am Ende der anderen Leitung zu hören bekommen, erfreulich. Das musste auch der US-Techgigant Google schmerzhaft erfahren, gegen den die EU Milliardenstrafen wegen der Verletzung von europäischem Wettbewerbsrecht verhängte.

Aber in den klassischen Fragen der Außen- oder Sicherheitspolitik ist Europa weit davon entfernt, mit einer Stimme zu sprechen. Hier hat das Kissinger-Zitat nach wie vor seine Berechtigung. Denn die USA müssen, wenn es etwa um Russland oder China geht, nicht nur in Brüssel, sondern auch in vielen anderen europäischen Hauptstädten anrufen, um sich ein Bild davon zu machen, wo Europa denn in der einen oder anderen Frage tatsächlich steht.

Aber hätten die USA tatsächlich gerne eine Telefonnummer in Europa, bei der sie jederzeit anrufen können? Die ehrliche Antwort ist wohl: Jein. Natürlich wäre das immer wieder praktisch, würde es doch Zeit sparen und die Koordinierung erleichtern. Aber das würde auch bedeuten, auf Augenhöhe mit einem gleichberechtigen Partner zu verhandeln. Und ein gleichberechtigter Partner kann es sich auch leisten, seinerseits Forderungen zu stellen und von Fall zu Fall auch nein zu sagen.

Die USA scheuen nicht davor zurück, ihre Interessen klar zu definieren und diesen auch zum Durchbruch zu verhelfen. Das oft gebrauchte Motto "America first" trifft dieses US-Selbstverständnis ganz gut. Und Europa? Der EU-Außenbeauftragte Josep Borell hat vor dem ersten von ihm geleiteten EU-Außenministertreffen gemeint, die EU müsse endlich lernen, "die Sprache der Macht" zu sprechen. Das wäre eine Sprache, die die USA sehr gut verstehen.