Das Ansinnen, möglichst viele Zugänge zu einer pflegefachlichen Ausbildung zu schaffen, ist angesichts der prognostiziert fehlenden Pflegeprofessionisten (76.000 bis 2030) nachvollziehbar. Aber nicht jede gut gemeinte Idee ist tatsächlich wohl überlegt. Nach dem Durchbruch der Akademisierung der Pflege kann eine Nivellierung der Gleichen mittels "Pflegelehre" nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Laut Statistik Austria sinkt der Zuzug junger Menschen in die Ausbildungsform der Lehre seit Jahren kontinuierlich, gleichzeitig ist das Argument nicht mehr aufrechtzuerhalten, dass man die Jugendlichen ansonsten im Bildungsprozess in Richtung Pflege verlieren würde (siehe BMS- oder BHS-Schulmodelle ab Herbst 2020 in ganz Österreich). Hierbei ist ohne Zeitverlust eine durchgängige Karriereperspektive in allen Pflegesettings machbar.

Der Autor ist Pflegeexperte und Politologe sowie Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger. - © privat
Der Autor ist Pflegeexperte und Politologe sowie Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger. - © privat

Die durchaus herausfordernden Themenstellungen in der Pflege wie der Umgang mit chronisch Kranken, Leid, Schmerz, Demenz, Aggression und Trauer sind einem 15-jährigen Jugendlichen aus entwicklungspsychologischer Sicht nicht zuzumuten. Die bestehende Altersgrenze (17. Lebensjahr laut europäischem Übereinkommen) schützt die Jugendlichen vor zu großer körperlicher und seelischer Belastung.

Es kann nicht der Sinn sein, junge Menschen zu traumatisieren und sie dadurch ziemlich sicher für die Pflege zu verlieren. Nicht übersehen darf man dabei, dass eine Lehre in einem Betrieb erfolgt und nicht wie in der Pflege vorgesehen an mehreren Ausbildungsstandorten (Pflegeheim, Krankenhaus, mobile Dienste), um möglichst viel praktische Erfahrungen in den jeweiligen Pflegesettings zu ermöglichen. Ein "Downgrading" der Pflegeausbildung bringt tatsächlich keinem etwas und ist auch aus gesellschaftspolitischer Verantwortung zu nicht unterstützen. Die Einführung einer "Pflegelehre" ist sicher kein nachhaltiger Beitrag zur Verbesserung des angekratzten Images der Pflege, der mit Abstand größten Berufsgruppe im heimischen Gesundheitswesen.

Viel wichtiger wäre der Ansatz, Wiedereinsteiger für die Pflege erneut zu gewinnen und hier kreative Lösungen anzubieten damit Beruf und Familie miteinander erfolgreich zu vereinbaren sind. Oder Quereinsteiger anzusprechen und mittels Fachkräftestipendiums plus für die Pflege zu motivieren. Oder wie wäre es, die zahlreichen Herausforderungen in der Pflege in Angriff zu nehmen (Verbesserung der Rahmenbedingungen, bundesweite Imagekampagne, getragen von den Praktikern der Pflege, gleiche Bezahlung bei gleicher Qualifikation, ein Ende der strukturellen Behinderungen, keine Blockade von Freiberuflern in der diplomierten Gesundheits- und Krankenpflege, . . .)? Gleichzeitig wäre es ein wertvoller Beitrag für die Gesunderhaltung breiter Bevölkerungsschichten, der Prävention mehr Raum zu bieten und die Gesundheitspflege mit all ihren vielfältigen Möglichkeiten zu entdecken.

Viele Aufgaben warten jetzt auf konkrete Lösungen. Eine Debatte zur "Pflegelehre" ist entbehrlich.