Zeiten der Krise sind Momente des Lernens. Damit sind sie zugleich Zeiten der politischen Auseinandersetzung: Welche Bedeutung haben die Ereignisse? Welche Maßnahmen haben sich bewährt? Wie soll es nach der Krise weitergehen? Welches Verhalten müssen wir ändern? Die folgenden zehn Lektionen sind der Versuch, eine Debatte auszulösen, die sich nicht mit Einzelaspekten begnügt, sondern das Ganze des gesellschaftlichen Wandels im Auge hat.

Werner Wintersteiner ist Gründer und ehemaliger Leiter des Zentrums für Friedensforschung und Friedenspädagogik der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt. - © WW
Werner Wintersteiner ist Gründer und ehemaliger Leiter des Zentrums für Friedensforschung und Friedenspädagogik der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt. - © WW

1.Lernen, aus Krisen
Lehren zu ziehen

Corona lehrt uns nichts. Eine Krise ist keine Lehrmeisterin. Es gibt keinen Automatismus, durch den uns die Pandemie zu neuen Einsichten zwingt. Aber wir können, durch eigene Anstrengung, Lehren aus der Krise ziehen. Allerdings: Sind wir überhaupt lernfähig? "Als der Mensch unter den Trümmern seines bombardierten Hauses hervorgezogen wurde, schüttelte er sich und sagte: Nie wieder. Jedenfalls nicht gleich." So skeptisch beurteilte der Dichter Günther Kunert nach dem Zweiten Weltkrieg unsere Veränderungsbereitschaft. Auch heute besteht, trotz aller Beteuerungen, die Gefahr, dass bis auf ein paar halbherzige Ansätze wieder alles beim Alten bleibt. Doch Krise bedeutet sinngemäß "Wendepunkt": Corona hat einige falsche Wahrheiten erschüttert und erleichtert zumindest einen Augenblick lang ein grundsätzliches Nachdenken. Die Lehren, die zu ziehen sind, sind zumeist nicht einmal neue Einsichten, dazu hätten wir Corona wahrlich nicht gebraucht, aber wir haben bisher die "Schrift an der Wand" nicht sehen wollen. Wie lange glauben wir eigentlich, es uns noch leisten zu können, aus Krisen nichts zu lernen?

- © Adobe Stock/Innovative Creation, WZ-Bearbeitung
© Adobe Stock/Innovative Creation, WZ-Bearbeitung

2.Eigene Wahrnehmung und Verhaltensweisen reflektieren

Während wir in medizinischer Hinsicht das Virus erforschen, müssen wir in gesellschaftspolitischer Hinsicht zunächst unsere Wahrnehmung und unser Verhalten in der Krise studieren. Das Virus zeigt uns, was wir wegen unserer spezialisierten und isolierten Denkweise nicht gesehen haben: die Komplexität unserer Welt, unsere gegenseitige Abhängigkeit und die unzähligen Interaktionen aller Bereiche - im Moment etwa zwischen Pandemie und Ökonomie. Wie mit der Wahrnehmung ist es auch mit dem Verhalten: Soziologen und Psychologen identifizieren an unserem Umgang mit Katastrophen eine Reihe unproduktiver Verhaltensmuster: erst Leugnen, dann Angst, dann Moralisieren und Sündenböcke suchen, schließlich Aktion um jeden Preis. Welche Strategien beobachten wir heute? Welche sinnvolleren Verhaltensweisen können sie ersetzen?

3.Die Globalisierung der
Solidarität erlernen

Corona führt uns den Zustand der Welt vor Augen: Wir haben globale Probleme erzeugt, aber keine globale Solidarität zustandegebracht. Unser Bewusstsein und unsere politischen Strukturen sind rein national. In der Krise bekommen wir nun all die Nachteile einer Welt, in der das Recht des Stärkeren herrscht, zu spüren. Wir sind alle verwundbar, auf einander angewiesen, und nur gegenseitige Solidarität kann unsere irdische Schicksalsgemeinschaft retten. Doch alle Krisenmaßnahmen wurden auf nationaler Ebene und national egoistisch getroffen. Inzwischen geistern Fantasien von künftiger Autarkie umher. Die wenigen globalen Mechanismen - wie UNO-Sicherheitsrat - wurden nicht genutzt. Die WHO ist viel zu schwach, und statt sie jetzt zu stärken, verlassen die USA sie sogar. Die Pandemie trifft zwar alle, aber längst nicht alle gleich. In den USA zum Beispiel ist die ärmere schwarze Bevölkerung überproportional an Corona erkrankt. Und auch die Wirtschaftskrise, die dem Lockdown folgt, trifft die Staaten des Südens viel härter als das reiche Europa. Solange aber die Hoffnung vorherrscht, besser als die anderen wegzukommen, wird es keine Solidarität geben. Was wiederum dazu führen wird, dass auch der gemeinsame Kampf gegen den Klimawandel scheitern muss.

4.Echte Europäer werden -
aus nationalem Interesse

Für die EU ist Corona eine riesige Bewährungsprobe, aus der sie gestärkt hervorgehen könnte. Bisher hat sie diese Probe nicht bestanden. Europas Staaten haben - meist zum eigenen Schaden - auf die Krise mit nationaler Abschottung und einer "Rette sich, wer kann"-Mentalität reagiert: erst sichtbar bei der fehlenden gegenseitigen Unterstützung im Kampf gegen das Virus, nun erst recht bei der fehlenden Solidarität zur Abfederung der ökonomischen Folgen der Krise. Wenn das so weitergeht, kommt das einem "Euxit" gleich, einem Defacto-Rückzug aller Mitgliedsländer aus der Union. Dabei ist es eine Binsenweisheit, die ohnehin alle Experten verkünden: Den derzeit bessergestellten Ländern wie Österreich oder Deutschland kann es auf Dauer nur gut gehen, wenn es auch Italien, Frankreich und anderen extrem betroffenen Ländern gut geht. Gegenseitige Hilfe innerhalb der EU ist im Interesse aller!

5.Die "imperiale Lebensweise" überwinden wollen

Nicht nur Corona stellt unsere westliche "imperiale Lebensweise" (Zitat: der Politologe Ulrich Brand) in Frage. Die Krise legt eine Wahrheit offen, die wir nicht wissen wollen, nämlich dass wir auf Kosten der Menschen in anderen Weltregionen und auf Kosten der künftigen Generationen, auch der eigenen, leben. Das muss zwangsläufig einmal schiefgehen, und das geht auch schief. Nachhaltigkeit - das ist mehr als Elektroautos und Energie sparen. Es bedeutet auch einen schmerzhaften Verzicht auf viele unserer Privilegien. Das müssen wir erst einmal wollen.

6.Von einer Kriegskultur zu
einer Kultur des Friedens

Unsere Lebensweise der Gier auf Kosten der übrigen Welt erfordert einen permanenten Zugriff auf Ressourcen des gesamten Globus. Dieser wird militärisch geschützt - vor denen, deren Ressourcen wir nutzen, wie auch vor potenziellen Rivalen. Ökonomische Globalisierung und militärische Expansion bedingen einander, aber die militärische Logik hat sich längst verselbständigt. Die Überrüstung, vor allem mit Massenvernichtungs- und Atomwaffen, entzieht der Menschheit wesentliche Mittel für einen gerechten Wohlstand für alle, sie schafft auch Unsicherheit und ist einer der Hauptverursacher der Klimakrise. Gerade heute können wir uns diese Vergeudung nicht mehr leisten. Um das wirklich einzusehen, braucht es eine Kultur des Friedens. Die UNO hat diesem Anliegen das erste Jahrzehnt dieses Jahrhunderts gewidmet. Nutzen wir doch die Erkenntnisse aus dieser Kampagne!

7.Politik ohne demagogischen Populismus

In der Corona-Krise ist die Bevölkerung bereit, Politikern zu vertrauen, die unbequeme Einsichten mitteilen und unangenehme Maßnahmen verkünden, solange diese gut begründet erscheinen. Jetzt wagt man Schritte, die man zur Eindämmung des Klimawandels nie gewagt hätte. Der demagogische Populismus hat zunächst einmal Pause. Das funktioniert aber nur, weil wir uns nun mehr für Fakten interessieren und sie strenger von Fake News unterscheiden wollen, weil wir kritisch alle Restriktionen auf ihren Sinn prüfen. Dieses wache politische Bewusstsein wird über die Krise hinaus unbedingt nötig sein, um die totalitäre Versuchung, vor der Politiker auch in Demokratien nicht gefeit sind, zurückzuweisen.

8.Menschliche Sicherheit
durch den Sozialstaat

Die neoliberale Ideologie hat den Sozialstaat jahrzehntelang verteufelt, angegriffen und ausgehöhlt. Noch im Vorjahr rügte die EU-Kommission die "ineffiziente Ressourcennutzung" unseres Gesundheitssystems, da Österreich trotz Abbau an Krankenbetten immer noch 40 Prozent über dem EU-Durchschnitt liege. Heute sieht alles ganz anders aus. Die Länder, die ihr Gesundheitssystem am meisten heruntergefahren oder am wenigsten ausgebaut haben, leiden am meisten unter der Pandemie. Ohne ein entschlossenes Eingreifen des Staates lassen sich weder gesundheitliche noch soziale Folgen der anschließenden Wirtschaftskrise abfangen. Im Moment der Not leuchtet das jedem ein. In die Zeit danach gilt es die Erfahrung, dass es eine politisch durchsetzbare Logik des menschlichen Wohlergehens gibt, hinüberzuretten.

9.Transnationale Strukturen gegen den nationalen Reflex

Solange die EU keine vergemeinschaftete Gesundheitspolitik hat, solange UNO-Institutionen wie die WHO so schwach sind wie heute, kurz: solange es für keine transnationalen Mechanismen und Strukturen gibt, wird der nationale Reflex, der "Krisennationalismus", unvermeidlich sein. Hier tut sich ein weites Feld auf. Es braucht mehr EU, es braucht eine Reform und Demokratisierung des UNO-Systems. Die Voraussetzung dafür ist aber eine gelebte kosmopolitische Kultur. Das wiederum erfordert eine grundlegende Reform der Bildung, die bisher stets Nationalismus reproduziert. Daher muss statt Nationalbildung eine globale Bürgerbildung die Leitlinie werden.

10.Die "irdische Endlichkeit" wieder erlernen

Das Coronavirus ist gekommen, um zu bleiben. Wir müssen lernen, mit ihm zu leben. Das bedeutet auch, unsere Lebensgewohnheiten so zu ändern, dass wir mit ihm leben können. Dazu müssen wir unsere Grundannahmen über unser Menschsein in der Natur überdenken. Viel zu lange haben wir uns als "Herren der Schöpfung" empfunden, die sich ungestraft "die Erde untertan" machen können. Damit haben wir viele natürliche "Lebensgenossen" verdrängt oder sogar vernichtet. Doch unser Verhalten fällt nun auf uns zurück. Beim Klimawandel ist das inzwischen evident, aber auch Pandemien werden durch den Verlust von Biodiversität und die Einschränkung des Lebensraums von Wildtieren begünstigt. Wir müssen erkennen, dass wir nur Mitbewohner der Erde sind. Sie steht nicht zu unserer rücksichtslosen Ausbeutung zur Verfügung. Das ist wohl der tiefste Wandel, der uns bevorsteht.