Dem britischen Ökonomen David Ricardo (1772 bis 1823) verdanken wir eine der simpelsten, aber wichtigsten Wirtschaftserkenntnisse aller Zeiten: "Die Vermehrung unserer Annehmlichkeiten durch bessere Verteilung der Arbeit, indem jedes Land genau die Waren produziert, für die es durch Lage, Klima und andere natürliche oder künstliche Vorteile geeignet ist, und gegen Waren anderer Länder eintauscht, ist für das Wohl der Menschheit genauso wichtig wie ihre Verwendung", formulierte er vor 202 Jahren in seinem Hauptwerk "On the Principles of Political Economy and Taxation".

Soll heißen: Wenn etwa Briten Tweed-Stoffe weben, Franzosen Bordeaux-Wein keltern und beide Handel miteinander treiben, haben es alle Beteiligten besser, als wenn Briten Rotwein machen und Franzosen Tweed, horribile dictu. Das ziemlich einleuchtende Prinzip funktioniert überall seit 202 Jahren blendend. Leider erleben wir derzeit weltweit, dass diese Wohlstandsmaschine namens Globalisierung zunehmend demontiert wird, aktuell wegen der Corona-Pandemie, die ja teils wirklich die Verletzlichkeit globaler Lieferketten auch bei überlebenswichtigen medizinischen Produkten aufgezeigt hat.

Die Ursachen der aktuellen De-Globalisierung liegen aber länger zurück; vor allem in einer in vielen Staaten dominierenden teilweise arg populistischen Politik, die stark auf Renationalisierung ("America first") setzt. Kurzfristig kann sie funktionieren; langfristig führt sie zwingend zu weniger Wohlstand, weil eben nicht mehr dort produziert wird, wo es am günstigsten ist. Deshalb ist auch die gerade in Österreich nicht nur Corona-bedingt grassierende De-Globalisierung, etwa der regelmäßige Appell an patriotischen Konsum - "Kauft regionale Produkte!" und "Macht Urlaub im eigenen Land!" -, zwiespältig zu beurteilen.

Einerseits bietet natürlich gerade Österreich in der Tat etwa hervorragende Lebensmittel und wunderbare Urlaubsdestinationen. Wenn andererseits alle anderen Staaten genauso beginnen, rigoros auf Produkte und Dienstleistungen aus eigener Provenienz zu setzen, hat gerade ein Export- und Tourismusland wie Österreich ein gravierendes Problem. So nachvollziehbar daher die vielen Aufrufe zum patriotischen Konsum grundsätzlich sind - eine ökonomische und vor allem auch ideelle Selbstverzwergung der Republik, aber letztlich ja auch der anderen Staaten Europas, ist nicht Teil der Lösung, sondern eher des Problems.

"Die Globalisierung ist kein Problem, das von den Regierungen zu lösen ist, sondern eine Realität, mit der wir umgehen müssen", schrieb kürzlich Richard Haass, Präsident des US-Thinktanks Council on Foreign Relations. "Wer für eine umfassende De-Globalisierung eintritt, entscheidet sich nicht nur für ein falsches Heilmittel, sondern auch für etwas, das die diagnostizierte Krankheit an Übel übertrifft." Vernünftiger wäre es, einige wenige Exzesse der Globalisierung - Stichwort: Chinas Masken-Monopol - zu reparieren, sie aber ansonsten weiter wirken zu lassen. Bordeaux-Wein aus Großbritannien, das wird auch weiterhin nichts.