Die jüngsten Schlachthofskandale in Deutschland und Holland haben gezeigt, dass das System Massentierhaltung nicht nur auf Tierleid und Naturzerstörung basiert, sondern auch auf der Ausbeutung von Menschen. Damit massenhaft Billigfleisch hergestellt und in alle Winkel des Landes verteilt werden kann, müssen die dafür nötigen Ressourcen zum Spottpreis verfügbar gemacht werden. Damit das Schweinefleisch auch bei der nächsten Supermarkt-Aktion noch um 4 Euro pro Kilo verschleudert werden kann, braucht es zur Herstellung das billige Gen-Soja aus dem brandgerodeten brasilianischen Amazonas-Regenwald für die Mast genauso wie billige Arbeitskräfte aus dem Osten für Schlachtung und Transport. Es braucht billiges Plastik für die Verpackung und billigen Strom für die Kühlung. Anders geht die Rechnung nicht auf. Es ist völlig absurd, dass wir tierische Produkte so günstig kaufen können, wo doch gerade sie so ressourcenintensiv hergestellt werden. Unmengen an Kraftfutter und Wasser, an Fläche und Energie werden benötigt, um 1 Kilo Fleisch herzustellen - das dann in einem von drei Fällen unverbraucht im Müll landet.

Sebastian Bohrn Mena ist Ökonom und Volksbildner. Nach seinem Ausstieg aus der Politik im Sommer 2018 (er war erst bei den Grünen und dann bei der Liste Pilz tätig) hat er das noch bis 29. Juni laufende Tierschutzvolksbegehren (www.tierschutzvolksbegehren.at) initiiert. - © Sascha Osaka
Sebastian Bohrn Mena ist Ökonom und Volksbildner. Nach seinem Ausstieg aus der Politik im Sommer 2018 (er war erst bei den Grünen und dann bei der Liste Pilz tätig) hat er das noch bis 29. Juni laufende Tierschutzvolksbegehren (www.tierschutzvolksbegehren.at) initiiert. - © Sascha Osaka

Mit Sondersteuern auf Fleisch oder Werbeverboten wird man das Grundproblem nicht lösen. Das gelingt nur mit einer ökosozialen Strukturreform und intensiver Bewusstseinsbildung. Denn das System Massentierhaltung ist darauf angewiesen, dass Menschen möglichst nicht darüber nachdenken, woher ihr Essen kommt und wie es erzeugt wurde. Weder die ethische Dimension noch die gesundheitlichen Folgen und schon gar nicht der ökologische Fußabdruck sollen nachvollziehbar sein - sonst könnte man es sich ja am Ende noch anders überlegen. Wenn auf der Packung draufstehen müsste, was wirklich drinsteckt, würden viele Menschen wohl weniger oft hingreifen. Wenn wir mehr über die Zusammenhänge und Auswirkungen der Nahrungsmittelherstellung erfahren würden, würde sich unser Konsumverhalten vielleicht drastisch ändern. Das oberste Gebot lautet also Bewusstseinsbildung.

Massenhaft Steuergeld für ausländische Billigware

- © apa/Georg Hochmuth
© apa/Georg Hochmuth

Denn echte, nachhaltig gelebte Veränderung kann nur von innen heraus entstehen, als Akt der Selbstbestimmtheit. Weder Sondersteuern noch Werbeverbote werden etwas ändern, solange Menschen nicht verstanden haben, wieso es sie selbst etwas angeht. Wieso es einen großen Unterschied macht, wie das hergestellt wurde, was sie ihrem Körper zuführen. Das müsste in der Schule, besser noch im Kindergarten beginnen. Mit echter Aufklärung. Und mit einem Essen, das vorbildlich ist. Man kann nicht von den Armen verlangen, dass sie mit Geld, das sie nicht haben, teureres, tier- und klimafreundlich erzeugtes Fleisch kaufen sollen, wenn gleichzeitig mit massenhaft Steuergeld die ausländische Billigware beschafft wird.

Und es braucht Transparenz. In jedem Gasthaus, in jeder Betriebskantine und in jeder Küche in Schulen, Krankenhäusern und Altenheimen sollte verpflichtend Auskunft gegeben werden müssen, woher Fleisch, Eier und Milch stammen. In der Schweiz klappt das bereits problemlos seit mehr als 25 Jahren - wieso sollte es nicht auch in Österreich funktionieren? Die Gastronomie unkt, der bürokratische Aufwand wäre zu groß. Na, dann fördern wir die Umstellung doch, wenn es wirklich um eine Kostenfrage gehen sollte. Doch die Blockadehaltung der Wirtschaftskammer dürfen wir nicht länger hinnehmen. Nicht in Zeiten von Artensterben und Bauernsterben, von Klimakrise und Antibiotika-Resistenzen.

Ökosoziale Strukturreform auch bei Lebensmitteln

Wenn wir die Bekenntnisse zu mehr Regionalität, zur Absicherung der heimischen Landwirtschaft und zu gesunder Ernährung ernst nehmen, dann müssen wir einen Systemwandel einleiten und aufhören, uns mit Symptombekämpfung zu beschäftigen. Wer Sondersteuern auf Fleisch erhebt, der vergrößert soziale Ungerechtigkeiten, ändert aber das ursächliche Problem nicht. Denn der Spottpreis im Supermarkt ist lediglich die Spitze des Eisbergs, nicht die Wurzel des Übels. Solange wir nicht eine besondere Förderung jener Wirtschaftsprozesse bewirken, die für Menschen, Tiere und Umwelt förderlich sind, werden wir das große Ganze nicht ändern. Und das müssen wir.

Die oft versprochene und nie konkretisierte ökosoziale Strukturreform könnte auch bei der Erzeugung und Verteilung von Lebensmitteln viel bewirken. Wenn etwa die klima-, umwelt- und tierfreundliche Landwirtschaft endlich mehr Fördergeld erhält und auch über die öffentliche Beschaffung forciert wird. Oder wenn Transparenz verpflichtend gelebt wird, damit im Gasthaus beim "Original Wiener Schnitzel" tatsächlich das heimische Kalb und nicht das kranke Tier aus Holland auf dem Teller liegt. Und für die Herstellung des "traditionellen Kaiserschmarrns" Eier aus Niederösterreich und nicht aus der Ukraine verarbeitet werden. Die Liste der Täuschungen beim Essen ist lang.

Eine leider einfache Rechnung: Gut ist teuer, schlecht ist billig

Am Ende ist ein wichtiger Grund für den Griff zum Billigfleisch auch, dass Gemüse und Obst oft teurer als Fleisch sind. Die heimischen Bio-Champignons kommen auf 10 Euro pro Kilo, die Bio-Tomaten auf 6 Euro. Den Rollbraten von der deutschen Pute kriegt man ebenfalls um 6 Euro pro Kilo, genauso wie die tiefgekühlten, bereits panierten Hühnernuggets, bei denen man nicht mal erfährt, woher das Fleisch stammt. Was also gut für Natur und Mensch ist, ist teuer, was aufgrund umwelt- und menschenbelastender Erzeugungsmethoden schlecht für uns alle ist, wird uns regelrecht nachgeschmissen. Das zeigt auch eine aktuelle Erhebung von WWF und Vier Pfoten, laut der innerhalb von vier Wochen im Zeitraum von April bis Mai 254 Fleischprodukte verbilligt waren. Die in fünf Ketten österreichweit angebotenen Flugblatt-Rabatte lagen durchschnittlich bei 22 Prozent, teils sogar bei 50 oder 60 Prozent. Der Markt regelt sich eben leider auf diese Weise selbst, wenn er nicht von staatlicher Seite sinnvoll geregelt wird.

In Deutschland wird gegenwärtig heftig über den Umgang mit den Erkenntnissen aus den Corona-Schlachthofskandalen debattiert. Dabei konzentrieren sich die einen auf den Ort der Entstehung und auf Forderungen nach gerechten Löhnen, menschenwürdiger Unterbringung und sozialrechtlicher Absicherung für die Arbeitenden. Den anderen geht es um den Ort des Konsums der Erzeugnisse und damit um höhere Preise für Konsumenten. Beides hängt mehr zusammen, als vielen bewusst sein mag. Es ist höchste Zeit, die sozialen und die ökologischen Fragen zusammenzuführen. Und es sich nicht so leicht zu machen, die Schuld auf die Konsumenten zu schieben, während man staatliche Instrumente ungenutzt lässt.

Wollen wir einen echten Wandel bewirken, müssen wir die Pyramide umdrehen, die derzeit regelrecht auf dem Kopf steht: Was gut für das Gemeinwohl ist, muss den Landwirten in der Erzeugung den höchsten Ertrag bringen und für Konsumenten am günstigsten zu kaufen sein. Was hingegen die Welt zerstört, muss unerschwinglich werden. Damit es sich einfach nicht mehr rechnet, Menschen auszubeuten, die Natur zu vernichten, Tiere zu misshandeln und systematisch zu verschleiern, woher das Essen kommt. In einer Demokratie können wir selbst entscheiden, was erlaubt sein soll und was nicht. Nutzen wir das. Und beenden wir das Billigfleischsystem, das wir uns schlicht nicht mehr leisten können.