Die Corona-Krise ist die Stunde der Demokratie. Das politische System wurde, zusammen mit den Bürgerinnen und Bürgern, in einen Stresstest geschickt. Staat, Wirtschaft und Bürgergesellschaft zeigten, wozu sie fähig sind, wenn es wirklich drauf ankommt. Nach der Krise kann das Leben besser und nachhaltiger werden. Sieben Trends machen Mut für die Zeit nach Corona.

Daniel Dettling ist Gründer und Leiter des Instituts für Zukunftspolitik (www.zukunftspolitik.de). Sein neues Buch "Zukunftsintelligenz. Der Corona-Effekt auf unser Leben" ist im Verlag LangenMüller erschienen. - © Neumann und Rodtmann
Daniel Dettling ist Gründer und Leiter des Instituts für Zukunftspolitik (www.zukunftspolitik.de). Sein neues Buch "Zukunftsintelligenz. Der Corona-Effekt auf unser Leben" ist im Verlag LangenMüller erschienen. - © Neumann und Rodtmann

Das Comeback des
politischen Vertrauens

So viel Vertrauen in Regierung und Politik gab es lange nicht. Die Maßnahmen im Kampf gegen das Virus fanden bei den Bürgern große Zustimmung. Zwei Drittel der Österreicher sind zufrieden mit der Krisenbewältigung der Regierung und halten die Maßnahmen für gerechtfertigt. Corona führt zu einem Comeback klassischer Führungs- und Staatspolitik. Die Krise stärkt das Vertrauen in die Parteien und gewachsenen Institutionen, ebenso wie die Legitimität einer integrierenden Politik, in der sich alle gesellschaftlichen Gruppen auf einen neuen Konsens verständigen: den Schutz der Alten und Schwachen.

Europa als attraktivster
Lebensstandort

Die Corona-Krise hat gezeigt, was auf dem Spiel stand: Der Rückfall in ein Europa der Nationalstaaten mit geschlossenen Grenzen drohte. Europa ist nicht an der Krise zerbrochen, sondern hat sich alter und neuer Stärken besonnen. Das europäische Modell hat sich als resilient und solidarisch erwiesen. Während die USA auf das Modell "Wohlstand ohne Wohlfahrt" und China auf "Wohlstand gegen Wohlverhalten" setzen, heißt der europäische Weg aus der Krise "Wohlstand plus Wohlfahrt". Damit kann der Corona-Schock schaffen, was nach der Finanzkrise vor zehn Jahren noch undenkbar war: den solidarischen und souveränen Staatenbund Europa. Europa kann zum Vorreiter bei den Megatrends Dekarbonisierung und Digitalisierung und zum attraktivsten Lebensstandort weltweit werden.

Frauen wie Sanna Marin (Finnland), Mette Frederiksen (Dänemark) oder Angela Merkel (Deutschland) führten ihre Länder besser durch die Corona-Krise. - © afp/Yves Herman
Frauen wie Sanna Marin (Finnland), Mette Frederiksen (Dänemark) oder Angela Merkel (Deutschland) führten ihre Länder besser durch die Corona-Krise. - © afp/Yves Herman

Ende des Populismus
und Erfolg der Staatsfrauen

Das Virus stärkt auch unser mentales und politisches Immunsystem. Die Krise entzaubert rückwärtsgewandten nationalistischen Populismus als das, was er ist: Nostalgie einer untergegangenen Welt, in der nichts wirklich besser war. In Wien ist die FPÖ nur noch einstellig. Am besten kommen jene Länder durch die Krise, die von Frauen regiert werden. Dänemark (Mette Frederiksen), Island (Katrin Jakobsdottir), Finnland (Sanna Marin), Neuseeland (Jacinda Ardern), Norwegen (Erna Solberg), Taiwan (Tsai Ing-wen) und Deutschland (Angela Merkel) haben vergleichsweise niedrige Infektionsraten und wenige Todesfälle. Die Regierungschefinnen reagierten rascher und konsequenter auf die Pandemie, während Männer wie Chinas Staatschef Xi Jinping den Ausbruch zu verheimlichen suchte, Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro, US-Präsident Donald Trump und der britische Premier Boris Johnson das Virus anfangs wahlweise als "Hype" oder als "chinesisches Virus" abtaten und fleißig allen Bürgern die Hände schüttelten.

Frauen als Gewinnerinnen nach (!) der Krise

Frauen sind die Verlierer in der Corona-Krise. Dennoch fällt der Backlash in tradierte Rollenmuster aus. Corona wird auch in der Geschlechterfrage zum Game Changer. Homeoffice wird zur Regel, stundenlange Präsenzsitzungen und Großveranstaltungen werden zur Ausnahme und zur Folklore einer untergehenden männlich dominierten Arbeitswelt. Zum wichtigsten Wert in der Post-Corona-Arbeitswelt gehört nicht Effizienz, sondern Resilienz: die Fähigkeit, in wechselnden und sich ändernden Situationen flexibel und robust zu reagieren. Vor Corona hat das World Economic Forum ausgerechnet, dass sich der Gender Gap erst in 99 Jahren schließen wird, wenn alles so bleibt, wie es ist. Corona wird diesen Zeitraum radikal verkürzen.

Von der Ego- zur
Wir-Gesellschaft

Nicht eine Selbst-schuld-Mentalität hat sich in der Krise durchgesetzt, sondern "Wir gegen Corona". Das Virus zeigt nicht die Schwäche der Sozialen Marktwirtschaft auf, sondern ihre Stärke. Der Sozialstaat kollabiert nicht, sondern ist die Voraussetzung, um die Krise zu meistern. Auch die Unternehmen stellen sich ihrer Verantwortung. Industriebetriebe entwickelten Schnelltests, Brauereien produzierten Desinfektionsmittel, Textilfirmen stellten Schutzmasken und -kleidung her. Nach Corona entsteht eine neue Balance zwischen Staat und Markt. Ein progressiver Wertewandel setzt sich durch. Der Kampf gegen die Ausbreitung des Virus führt zu einem neuen Verhältnis und einem besseren Verständnis der Generationen. Die junge "Fridays for Future"-Generation verbündet sich mit den Älteren. Eine breite Bewegung für Neo-Ökologie entsteht: Der Schutz des Planeten gegen seine Zerstörung und der Schutz des Menschen gegen Pandemien gehören zusammen. Aus radikalem Protest vor Corona wird radikale Politik nach Corona.

Aus Globalisierung
wird Glokalisierung

Die Corona-Krise markiert das Ende der hyperschnellen Globalisierung. Die globale Vernetzung hat uns anfälliger für Krisen gemacht. Nach Corona wird eine neue Epoche beginnen: die Ära der achtsamen Glokalisierung. Kritische Produkte wie Arzneimittel, Impfstoffe und Medizinprodukte werden künftig in Europa oder im Inland hergestellt, die 3D-Technologie wird dabei verstärkt zum Einsatz kommen. Die großen Städte haben sich in der Pandemie als nervöse Zentren erwiesen, mit mehr Toten und Infizierten. Nach der Pandemie wird es zu einer Aufwertung ländlicher Räume und Regionen kommen. Auf dem Dorf oder in der Kleinstadt ist das soziale Abstandhalten leichter als in der Großstadt. Nachbarschaftshilfen, die sich in den großen Städten über digitale Infrastrukturen erst bilden müssen, sind auf dem Land gelebter Alltag. Landluft macht virenfreier.

Föderalismus
rettet Leben

Die Rathäuser zählen zu den Gewinnern der Corona-Krise. Städte und Gemeinden sind systemrelevant. In der Krise erfuhren die Bürger den Mehrwert lokaler Politik: schnelle, unbürokratische Hilfe und direkte Kommunikation. Ein gut funktionierender Föderalismus rettet Leben. Die Demokratie wird nach der Krise lokaler, bürgernäher und vernetzter. die Bürgermeister werden zu den politischen Akteuren der Zukunft.

Zukunftsintelligenz ist
das beste Immunsystem

Corona hat unsere systemische Intelligenz erhöht und wichtige Innovationen und Akteure aufgewertet: öffentliche Infrastrukturen, soziale Netzwerke und Berufe. Rückblickend werden wir feststellen, dass vor allem der humane Fortschritt das Virus besiegt hat. Entscheidend war am Ende die menschliche Intelligenz - unser gesunder Menschenverstand. Unsere gemeinsame Zukunftsintelligenz ist das beste Immunsystem.