Hermann Nitsch: "Blutorgel" (1962). - © www.nitsch.org
Hermann Nitsch: "Blutorgel" (1962). - © www.nitsch.org

Die Kuratoren der Ausstellung "The Beginning" in der Albertina modern haben die Wiener Kunst rund um 1968 als eine Erneuerung inszeniert. Sie haben die revolutionäre Kraft vieler Künstlerinnen erkannt, aber immer noch zu stark jener der Männer untergeordnet.

Das Revolutionäre in den Werken der Frauen ist jedoch weder ein Aufstand noch ein Umsturz. Es geht vielmehr um eine radikale Veränderung der Sichtweisen. Der Philosoph Peter Sloterdijk hat in einem Interview mit der "Zeit" am 8. April einen Bogen von 1968, der menschgemachte Eruption, herauf zur Corona-Krise, der von Viren erzeugten Umwälzung, gespannt und eine Parallele gesehen. Es könnte nämlich sein, dass der zuerst von Benjamin Netanjahu und einige Wochen später von Emmanuel Macron formulierte Kriegsaufruf gegen eine Armee winziger Feinde ein falscher Vergleich war. "Die Kriegsrhetorik führt in die Irre", so Sloterdijk, "denn gegen das Virus machen wir nicht mobil, nein, wie demobilisieren." Der Satz "Weil Krieg ist, bleiben wir zuhause" - besser: "müssen wir daheim bleiben" ’ erinnere an den Satz der 68er: "Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin."

Maria Lassnig, "Woman Power" (1979). - © Albertina Wien/Peter Kainz
Maria Lassnig, "Woman Power" (1979). - © Albertina Wien/Peter Kainz

In der Protestbewegung der 68er hat sich freilich schnell die traditionelle militante Angriffsmethode gegen die "Feinde" (Springer & Co.) durchgesetzt. Frauen kamen ohnehin nur am Rande vor und zogen es vor, ihre Auftritte selbst zu formulieren und medial umzusetzen. Die breite Öffentlichkeit bemerkte die enorme Vielfältigkeit des Protestes der 1960er und 1970er Jahre nicht, weil sowohl Journalisten als auch Politiker in den alten Strukturen dachten. Deshalb gilt "Aktionismus" von Otto Mühl, einer charismatischen und egozentrischen Führungsfigur, bis heute als die österreichische Version der 68er-Bewegung. Sogar Otto Schulmeister, der autoritäre und rhetorisch brillante, stockkonservative Chefredakteur der "Presse", erlag unter dem Einfluss seiner Tochter zeitweise der Ausstrahlung des Kunstfürsten der Puszta und der Dependence der Aktionisten auf den Kanaren. Schulmeister moderierte unter dem Titel "X minus 32" im ORF-TV sogar eine kontroverse Diskussionsreihe, die in den rückblickenden 68er-Betrachtungen unterschlagen wird.

Kunsthistorisch viel bedeutender, aber gesellschaftspolitisch weniger relevant als der fast alle Stilarten bedienende Mühl sind Künstler wie der priesterliche Provokateur Hermann Nitsch, der Übermaler Arnulf Rainer oder die Farbästheten Max Weiler, Josef Mikl, Wolfgang Hollegha und Markus Prachensky. Trotzdem galten und gelten sie nach wie vor als die "Champions League" der österreichischen Kunst.

Maria Lassnigs Flucht

Diese Einschätzung ändert sich durch die Präsentation in der Albertina modern. Maria Lassnig übersteigt die Symbolkraft und den Kunstwert aller Genannten, weil sie Zeitkritik mit Fantasie und farblicher Intuition kombiniert. Sie ist eine explosive Nonne, im Vergleich zum barocken Nitsch eine Jeanne d’Arc der Moderne. Valie Export, die eben 80 Jahre alt wurde, ist nicht nur in dieser Ausstellung, sondern im Kontext von 1968 die politisch bewegendste Künstlerin. Ihr Tapp- und Tastkino bringt den Boulevard theatralisch auf den Punkt, ihre Aktionshose. Ihre "Genitalpanik" ist der Rock-Rebellion à la Janis Joplin verwandt und basiert philosophisch auf Simone de Beauvoir.

Valie Export: "Genitalpanik" (1969). - © Peter Hassmann
Valie Export: "Genitalpanik" (1969). - © Peter Hassmann

Lassnig war die Männerdominanz in der Galerie von Otto Mauer nächst St. Stephan zu viel. "Da waren vier Männer um mich herum. Da wollte ich nicht mehr sein", wird sie zitiert. Sie ging nach New York, wo am Schluss ihrer zehn Jahre im Häusermeer das monumentale Gemälde "Women Power" entstanden ist. Ein Ranking über die bildende Kunst dieser Zeit müsste so aussehen:

- Maria Lassnig: "Women Power"

Valie Export: "Genitalpanik";

Hermann Nitsch: "Blutorgel";

- Arnulf Rainer: "Jolly Joker";

- Günter Brus: "Selbstbemalung";

Ida Szigethi: "Zwangsjacke";

- Adolf Frohner: "Kreuzgang".

Ein Mangel ist erneut evident

Leider - man könnte sogar sagen: absurderweise - beginnt die Schau im renovierten Künstlerhaus mit einem Schmuckstück von Wander Bertoni und einer der kraftvollen Skulpturen Alfred Hrdlickas - hier ebenso falsch platziert wie seine Manifestationen auf dem Platz vor der Albertina; diese gehörten auf den Morzinplatz, und anstatt des zerbombten Philipp-Hofs eine nach oben offene Glas-Architektur mit mitteleuropäischer Frauenkunst als Inhalt. Damit könnte die Vergangenheit abgeschlossen und die Zukunft markiert werden.

Günter Brus: "Selbstbemalung" (1964). - © apa/Günter Brus
Günter Brus: "Selbstbemalung" (1964). - © apa/Günter Brus

Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder freut sich in seinem Katalog-Essay sichtlich, dass es gelungen ist, erstmals die weibliche Kunst dorthin zu rücken, wo sie ist: in den Vordergrund. Diese Absicht müsste nur weitergetrieben werden. Trotzdem ist ein Mangel erneut evident. Wien und viele seiner Kulturexponenten kommen nicht von der Ansicht weg: Wer einmal in New York oder in Paris war, ist allein deshalb ein besserer Künstler.

Die Beziehungen zu Prag oder zu Budapest (und deren Einflüsse) werden weitgehend ausgeblendet. So als hätte der Wiener Beamtenstaat nach wie vor und nicht erst zu Zeiten Franz Grillparzers die Kultur dominiert. Dass sie in Graz kultiviert wurden, literarisch und via "Trigon" (der von Wilfried Skreiner inszenierten Zweijahresschau), geschah gegen die Blockaden von FPÖ und Teilen des steirischen Adels. Aristokraten wie die Familie Goess waren konservativer als die südlichen Kommunisten.

Lange Abschottung

Die Grazer Szene weitete den Blick auf Oberitalien, Slowenien, Serbien. Ljubljana, Zagreb, Belgrad, obwohl lange Zeit im Griff des Kommunismus, konnten sich immer wieder befreien. Die in Graz früh, in Wien erst spät, nämlich in den 1970ern, angekommene Performance-Künstlerin Marina Abramovic ist ein markantes Beispiel für die lange Abschottung der Metropole gegenüber dem europäischen Süden nach dem Zweiten Weltkrieg.

"The Beginning" illustriert auch, ohne es dezidiert auszuschildern, die ungebrochene Dominanz Wiens als Kunstmetropole und den Grazer Aufstieg (derzeit wieder die Stagnation trotz architektonischer Brillanz; erst kürzlich wurde ein lange umstrittenes Hotelprojekt der verstorbenen Zaha Hadid fertiggestellt). Die Ausstellung wurde leider zur Wiener Nabelschau. Tiroler sind fast niemand ohne Wien, Kärntner müssen so tun, als wären sie nie dort gewesen, Vorarlberger werden in der Hauptstadt ohnehin zur Schweiz gezählt. Aber wenigstens wurden die Frauen befreit. Von Mann und Nabel.