"Die meisten wollen nicht zurück", berichtet Harald Gutschi aus dem Handelskonzern Otto Group über jene 98 Prozent der Mitarbeiter, die seit dem Lockdown im Homeoffice arbeiten. "Es hat aber auch überraschend gut funktioniert." Dabei war in den vergangenen Wochen viel von der Überlastung im Homeoffice zu lesen: Die Gleichzeitigkeit privater und beruflicher Anforderungen, zeitlich, räumlich und auch an IT- und TK-Ressourcen wurde ebenso als problematisch empfunden wie die fehlende räumliche Nähe zu Kollegen. Zusätzlich stellten auch die am Bildschirm reduzierten Infos via non-verbale Kommunikation eine große Anforderung an die Konzentrationsfähigkeit auf allen Ebenen. Was muss das für eine Überraschung für das Otto-Management gewesen sein, als ihre Mitarbeitenden nun nicht ins Büro zurückkehren wollten!

Sabine M. Fischer, Inhaberin von Symfony Consulting, ist Wirtschaftspädagogin, Human-Factor-Unternehmensberaterin und Sprecherin des AK Industrie 4.0/IoT in Wien. - © Symfony/Klaus Prokop
Sabine M. Fischer, Inhaberin von Symfony Consulting, ist Wirtschaftspädagogin, Human-Factor-Unternehmensberaterin und Sprecherin des AK Industrie 4.0/IoT in Wien. - © Symfony/Klaus Prokop

Entgegen dem vielfach geäußerten Wunsch "Zurück zur Vor-Corona-Normalität!" empfiehlt es sich, innezuhalten und genau zu schauen, welche Veränderungen der Lockdown fürs eigene Unternehmen gebracht hat. Ein guter Startpunkt ist, die Homeoffice-Erfahrungen zu reflektieren. Hier liegt viel Potenzial für Innovationen, in Privatfirmen wie in staatlichen Organisationen. Da zeigen sich aufschlussreiche Perspektiven:

Plötzlich auf sich gestellt - Selbstorganisation braucht Freiheit von Hierarchie und eine gute Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Geringe Wahrscheinlichkeit, großer Impact - durch den Lockdown war das Funktionieren von Firmen quasi von heute auf morgen vom Know-how und von den privaten Möglichkeiten der Mitarbeiter zur Technologienutzung abhängig, wie etwa der Größe der Wohnung und der privaten technischen Infrastruktur.

Volles Vertrauen - die Hierarchie musste der individuellen Selbstführung vertrauen, weil Micromanagement an dislozierte Grenzen stieß.

Prozess-Notwendigkeiten neu definiert - knappe Ressourcen führten im Allgemeinen und im Homeoffice im Besonderen zu einer neuen Sicht auf vorhandene Prozesse und einer radikalen Reduzierung: Wer hätte Anfang März noch gedacht, dass es Ende März nicht mehr nötig sein würde, für ein Rezept zwei Stunden im Wartezimmer eines Arztes zu verbringen?

Dezentrale Infrastruktur funktioniert - wie aus der Otto Group berichtet, scheint die dezentrale Struktur der Homeoffices Vorteile zu bieten, die Mitarbeiter nicht mehr missen möchten. Anlass genug, gemeinsam über die Neugestaltung von Organisationsstrukturen ohne Selbstzweck und Machtdemonstration nachzudenken.

Covid-19 hat uns alle mit seiner dramatischen Konsequenz überrascht. Die Überraschung darüber, was alles möglich ist, sollten wir für eine Weiterentwicklung nutzen. Nie gab es dafür eine bessere Zeit. Vielleicht bringt das gemeinsame Neudenken des eigenen Business sogar Ideen, um neues Business zu denken . . .

Und ist es nicht eine zweite Welle, dann brauchen wir jedenfalls eine bessere Vorbereitung für die nächste Pandemie.