Wir erleben eine globale Großkrise und den stärksten Konjunktureinbruch zu Friedenszeiten seit der Großen Depression 1929. Außer in China und Indonesien schrumpft in den Top-25-Ländern der Weltwirtschaft das Bruttoinlandsprodukt (BIP) teils dramatisch. Während die wirtschaftspolitische Unsicherheit weltweit einen historischen Höchststand erreicht hat und doppelt so hoch liegt wie während der Finanzkrise 2008/2009, reagieren die Konsumenten in Österreich mit Sparen: Die Sparquote hat sich laut jüngsten Zahlen der Nationalbank von gut 7 Prozent auf mehr als 13 Prozent beinahe verdoppelt, was empfindliche Auswirkungen auf den Konsum hat: Zunächst konnten private Haushalte ihre Konsumwünsche während des Lockdowns nicht erfüllen (Zwangssparen), jetzt wollen sie dies nicht mehr im selben Umfang wie zuvor (Vorsichtssparen). Daher wird es in einigen Bereichen Jahre brauchen, bis das Vor-Krisenniveau wieder erreicht ist, etwa in der Tourismus- und Freizeitwirtschaft und im Einzelhandel.

30 Milliarden Euro gehen an Bruttowertschöpfung verloren

Christian Helmenstein ist Chefökonom der Industriellenvereinigung, Leiter des Economica Institutes für Wirtschaftsforschung und Mitglied des Investment-Komitees der Bankhaus Krentschker & Co. AG. - © Industriellenvereinigung
Christian Helmenstein ist Chefökonom der Industriellenvereinigung, Leiter des Economica Institutes für Wirtschaftsforschung und Mitglied des Investment-Komitees der Bankhaus Krentschker & Co. AG. - © Industriellenvereinigung

Für Österreich haben wir schon im April ein BIP-Minus von 7,6 Prozent für das heurige Jahr errechnet. Erschien diese Prognose zunächst ungebührlich pessimistisch, stimmt sie nunmehr mit den jüngsten Veröffentlichungen des Instituts für Höhere Studien (IHS) und des Wirtschaftsforschungsinstituts (Wifo) überein, die vor wenigen Tagen ein Minus von 7,3 Prozent (IHS) beziehungsweise 7,0 Prozent (Wifo) vorausgesagt haben.

Die heimische Wirtschaft verliert heuer durch den Lockdown etwas mehr als 30 Milliarden Euro an Bruttowertschöpfung. Nach Branchen ist der Bereich "Sonstige Dienstleistungen" (persönliche Dienstleistungen, Verkehr, Sport, Kultur) mit einem Minus von fast 12 Milliarden Euro am härtesten getroffen, gefolgt von Gastronomie/Beherbergung mit minus 6,8 Milliarden Euro sowie Industrie/Energiewirtschaft mit mehr als 5 Milliarden Euro Wertschöpfungsverlust. Sollte die Covid-19-Krise ein nochmaliges (partielles) Herunterfahren der Wirtschaft erfordern, wäre ein zweistelliges prozentuelles BIP-Minus in Österreich nicht auszuschließen.

Die Corona-Stabilisierungsmaßnahmen beanspruchen die öffentlichen Budgets in einem enormen Ausmaß. Die Staatsschuldenquote wird daher heuer in Österreich voraussichtlich auf 84 Prozent klettern. Dennoch kann die Rückführung dieser Quote auf das Vor-Covid-Niveau ohne neue Steuern und ohne Einschnitte in das soziale Netz, sondern durch verringerte Ausgabenzuwächse und infolgedessen ausgeglichene Budgets spätestens ab dem Jahr 2023 bis zum Ende dieses Jahrzehnts gelingen.

Asymmetrische
"V"-Erholung

Die Erholung der Wirtschaft wird voraussichtlich einen sogenannten asymmetrischen "V"-Verlauf nehmen: Auf den steilen Absturz folgt zwar ein Aufwärtstrend, allerdings fällt der Anstieg des rechten "V"-Armes flacher als der Abstieg des linken Armes aus. Bemerkenswert ist, dass die angekündigten oder schon umgesetzten Stabilisierungsmaßnahmen europaweit im Durchschnitt rund 14,5 Prozent des BIP erreichen - also überkompensierend ausfallen. Dieser Wert liegt oberhalb der erwarteten BIP-Einbrüche: Die von der Krise am stärksten betroffenen Länder Spanien, Italien und Frankreich erwarten eine BIP-Schrumpfung von mehr als 12 Prozent. Keine Entlastung ist von den USA als der weltgrößten Volkswirtschaft zu erwarten, solange die Neuinfektionswerte auf weiterhin hohem Niveau liegen und zum Teil sogar noch steigen.

Kaufgelegenheiten
für Investoren

Die Börse liegt in diesem Zusammenhang makroökonomisch falsch, finanzwirtschaftlich aber richtig. Durch die staatlichen Hilfsprogramme sowie die ultraexpansiv wirkenden Interventionen der Notenbanken steht den Märkten extrem viel Liquidität zur Verfügung. Diese wirkt primär im Anlageuniversum, nicht aber auf den Gütermärkten preiserhöhend.

Aufgrund statistischer Basiseffekte sowie durch (angebotsverengende) Marktaustritte infolge von Insolvenzen kann sich vorübergehend auch die Inflation auf Jahressicht zwar leicht beschleunigen, die Zinsen werden aber mittel- und langfristig dennoch - nicht zuletzt aufgrund der Notenbanken-Interventionen - auf sehr niedrigem Niveau verharren. Für renditeorientierte Anleger heißt das: Es gibt keine Alternative zu Aktien, mit Rücksetzern ist aber immer wieder zu rechnen, etwa durch eine zweite Welle der Covid-19-Pandemie. Diese sollten Investoren als Kaufgelegenheiten betrachten.