Kinder aus sozial benachteiligten Familien haben weitaus schlechtere Bildungs- und Karrierechancen als ihre Mitschüler aus höheren sozialen Schichten. Die Covid-19-Krise hat neuerlich aufgezeigt, wie notwendig Veränderungen im Bildungssystem sind.

ist Bildungspsychologin im Verein "FREI.Spiel - Freiwillige für Kinder". - © privat
ist Bildungspsychologin im Verein "FREI.Spiel - Freiwillige für Kinder". - © privat

Der "Verein FREI.Spiel" setzt sich seit sieben Jahren für Bildungsgerechtigkeit ein. Er gewinnt und begleitet geeignete Freiwillige, um Volksschulkindern aus sozial benachteiligten Familien unentgeltliche Lernhilfe zukommen zu lassen. Die zusätzliche Unterstützung erfolgt direkt in Schulen und Horten in enger Zusammenarbeit mit dem Lehrpersonal. Aufgrund der Pandemie war in den vergangenen Monaten der reguläre Schulbetrieb ausgesetzt. Persönlicher Kontakt, ein Grundpfeiler der notwendigen Unterstützung, war nicht möglich. Dadurch wurde sichtbar, wie viele Hürden - technische wie bürokratische - zu überwinden sind, um Volksschulkinder aus sozial benachteiligten Familien zu erreichen. Uns wurde bewusst, dass die persönliche Anwesenheit der Bezugspersonen wie Lehrerinnen und/oder Freiwillige für die Förderung dieser Kinder unerlässlich ist.

In der Krisensituation lag die zentrale Verantwortung für die Bildung der Kinder bei der Familie. Erfolgreiches Home- und Distance-Learning war nur für gut situierte, bildungsnahe Familien möglich, die über geeignete Räumlichkeiten, technische Ausstattung und einen geschulten Umgang mit digitalen Medien verfügen. Nach dem Lockdown beklagen Lehrkräfte in den Volksschulen, dass im Homeschooling die Schere zwischen den daheim geförderten und den sozial benachteiligten Schülern noch größer geworden ist. Sie berichten von großem Wissensverlust und von Kindern, die noch immer nicht in die Schule zurückgekehrt sind. Wie sollen diese Schüler das Versäumte jemals nachholen?

Im kommenden Herbst dürfen alle in die nächste Schulstufe aufsteigen, ohne die dafür notwendigen Grundlagen zu beherrschen. Laut Auskunft von Schulleiter soll es noch weniger Ressourcen für die Sprachförderung geben. Die von der Regierung angekündigte Sommerschule und Laptops (ab der 5. Klasse) werden für benachteiligte Volksschulkinder keine nennenswerte Veränderung bringen.

Wir wissen, dass die Elementar- und Basisbildung das zukünftige Lernverhalten (Strategien, Motivation, Einstellungen) dieser Kinder prägen wird. Um nachhaltig etwas für diese Zielgruppe zu verändern, braucht es eine Reihe von Maßnahmen, die vor allem die Ressourcenausstattung des Bildungssystems betreffen. Das bedeutet für die Politik, mehr in Bildung zu investieren. Es braucht eine stärkere Einbindung von Pädagogen, Sozialarbeitern, Psychologen und Eltern, entsprechende Ausstattung und ganztägige Betreuung. Nur so werden alle Kinder, unabhängig von ihrer Herkunft, die Chance haben, sich bestmöglich zu entfalten und zu entwickeln.