Die Covid-19-Krise hat die Weltwirtschaft massiv getroffen, die wichtigsten Wirtschaftsräume der Welt in die tiefste Rezession seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs geworfen und Schwächen des aktuellen Welthandelssystems und des europäischen Binnenmarkts offenbart. Mit dem Ausbruch der Krise in China sind die globalen Wertschöpfungsketten unter Druck geraten: fällt in China der berühmte Sack Reis um und beschädigt eine Produktionsanlage, wird es hier schnell finster mit Medikamenten, Schutzausrüstungen, iPhones und vielem anderen mehr.

Harald Oberhofer ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Wirtschaftsuniversität (WU) Wien. - © Roman Reiter/WU
Harald Oberhofer ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Wirtschaftsuniversität (WU) Wien. - © Roman Reiter/WU

Fehlende Vorleistungen und Vorprodukte haben bereits Anfang des Jahres den Handel nicht nur mit China, sondern auch innerhalb des europäischen Binnenmarkts spürbar reduziert. Der Lockdown in Europa ab Mitte März hat zu weiteren außergewöhnlichen Beschränkungen geführt. Die nationalstaatlichen gesundheitspolitischen Maßnahmen haben - in der Akutphase wohl auch begründet - wenig Rücksicht auf den Binnenmarkt genommen. Der grenzüberschreitende Dienstleistungs- und Personenverkehr waren davon überproportional betroffen. So sah sich die österreichische Außenwirtschaft mit etwa acht unterschiedlichen Ein- und Ausreisebestimmungen für grenzüberschreitende Wirtschaftsleistungen in den direkten Nachbarländern konfrontiert.

Diese Erfahrungen offenbaren wirtschaftspolitischen Handlungsbedarf. Die fehlende Koordination zwischen den EU-Mitgliedstaaten hat zu unnötigen Friktionen geführt. Ein EU-weiter Pandemieplan, der ein gemeinsames Vorgehen, etwa bei der Beschaffung und Verwaltung von medizinischer Schutzbekleidung und anderen Medizinprodukten, und ein EU-weites Hilfssystem im Falle des Auftretens einer Gesundheitskrise in einem Mitgliedstaat oder einer Region vorsieht, wäre eine Lehre aus der Krise.

Ähnliches gilt für die Vermeidung zu starker Abhängigkeiten von Vorleistungen und Produkten aus einzelnen Regionen oder Anbietern. Die herrschende Just-in-time Produktionsphilosophie funktioniert gut, wenn das wirtschaftliche Umfeld stabil ist. Zur Sicherung der Versorgung mit wichtigen Produkten erscheint dem gegenüber der Aufbau von strategischen Lagern sinnvoll. Allerdings sind damit erhebliche Kosten verbunden. Nicht nur die Lagerhaltung an sich ist aufwendig, auch abgelaufene Bestände, etwa an Medikamenten und Schutzausrüstungen, müssen laufend entsorgt und durch neu gekaufte ersetzt werden.

Ebenso kann eine stärkere globale Diversifikation der Wirtschaftsbeziehungen beitragen, die Resilienz des Wirtschaftssystems zu steigern. Beziehen Unternehmen ihre Vorleistungen von mehreren Anbietern aus unterschiedlichen Weltregionen, so können sie den Ausfall einzelner Lieferanten eher kompensieren. Aber auch hier schlummern Kosten. Rechtssicherheit ist hier ein großes Thema. Auch bedeuten mehr Lieferanten zusätzliche Verwaltung und Logistik und geringere Größenvorteile in der Produktion. Dies führt zu höheren Kosten und Endkundenpreisen. Maßnahmen, um die Abhängigkeit von globalen Lieferketten zu verringern, gäbe es also durchaus. Die damit verbundenen Kosten sind der Preis der Resilienz.