Was derzeit im Libanon passiert, ist viel mehr als eine sozioökonomische Krise: Es hat sich eine echte humanitäre Krise entwickelt. Für mehr als die Hälfte der Bevölkerung ist es mittlerweile schwierig geworden, sich mit Essen zu versorgen. Wir sehen, wie Menschen in Mülleimern nach Nahrungsmitteln stöbern. Auf Facebook haben sich Gruppen gebildet, in denen Menschen Kleidung gegen Windeln für ihre Babys austauschen, andere ihre Möbel und das Spielzeug ihrer Kinder gegen ein wenig Geld für Essen eintauschen. Die Situation ist wirklich schlimm: Wir sprechen hier von Hunderttausenden Menschen, die betroffen sind.

Das Coronavirus hat die schwerste Wirtschaftskrise des Libanon seit 1990 zusätzlich verschärft.

Bujar Hoxha ist Länderdirektor von Care (www.care.at) im Libanon. - © Care
Bujar Hoxha ist Länderdirektor von Care (www.care.at) im Libanon. - © Care

Durch den Lockdown, Rekordinflation und eine chronische Gesundheitskrise sind Grundnahrungsmittel für Familien unerschwinglich geworden. Die Menschen erfahren jeden Tag am eigenen Leib, wie ihr Leben einen neuen Tiefpunkt erreicht. Seit letztem Oktober steigen die Preise für Lebensmittel, jene für Milch und Reis haben sich zuletzt verdreifacht. In nur wenigen Monaten ist der Wert des libanesischen Pfunds um mehr als 80 Prozent gesunken.

"Wir haben kaum noch zu essen"

Care-Hilfseinsatz im Libanon. - © Care/Paul Assaker
Care-Hilfseinsatz im Libanon. - © Care/Paul Assaker

Suzanne, eine 42-jährige Näherin aus der Nähe von Tripolis, hat mir kürzlich berichtet: "Ich war immer arm. Aber in den vergangenen drei Jahren hat sich meine Lage extrem verschlechtert. Mein Mann kann jetzt wegen des Lockdowns auch nicht mehr arbeiten. Wir haben kaum mehr genug zu essen. Anstelle eines Kilos Reis kaufe ich die Hälfte. Von Kartoffeln kaufe ich statt drei Kilo eineinhalb. Aber ich habe Glück. Ich muss keine Miete zahlen. Diejenigen, die auch noch Miete zahlen müssen, verhungern."

Care

Frauen brauchen jetzt besonders Hilfe. - © Care/Paul Assaker
Frauen brauchen jetzt besonders Hilfe. - © Care/Paul Assaker

unterstützt jetzt Frauen wie Suzanne mit Nahrungsmitteln und Hygieneartikeln. Langfristig planen wir, betroffene Familien durch einkommensschaffende Programme weiter zu unterstützen. Die internationale Gemeinschaft muss zusammen mit der libanesischen Regierung umgehend reagieren, um in diesen außerordentlichen Zeiten das Überleben für die ärmsten Familien sicherzustellen. Die Zeit zu handeln ist allerdings heute - nicht erst morgen.