Verfolgte man die Berichterstattung rund um die vom Pharmakonzern Novartis ursprünglich angedachte und erst in letzter Sekunde von der wackeren Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck (ÖVP) verhinderte Verlagerung der Penicillin-Produktion vom Novartis-Standort Kundl in Tirol nach Asien, könnte man meinen, Europa sei in letzter Sekunde vor einem enormen medizinischen Problem bewahrt worden. Denn Kundl ist bekanntlich der letzte Standort innerhalb der EU, an dem das Antibiotikum Penicillin hergestellt wird. Wäre die dortige Produktion geschlossen worden, wäre Europa im Notfall von China oder anderen Lieferanten abhängig gewesen. Ein inakzeptabler Zustand, waren sich nach den Erfahrungen der ersten Corona-Tage Politik und öffentlichen Meinung einig. Um das zu verhindern, spendiert nun die öffentliche Hand dem Konzern 50 Millionen Euro, der sagte dafür zu, die Penicillin-Produktion in Kundl bis mindestens 2030 fortzusetzen. 30 Millionen zahlt Österreich, der Rest kommt aus EU-Fonds.

"Uns wurde vor Augen geführt, wie schnell wir in Abhängigkeit von anderen Ländern geraten. Daher ist unsere strategische Pflicht, Schlüsselindustrien zu sichern", begründete das Wirtschaftsministerium die Zahlungen an Novartis. Klingt ja irgendwie plausibel. Und trotzdem kann nicht völlig ausgeschlossen werden, dass es sich hier weniger um die Lösung eines medizinischen denn eines politischen Problems zu Lasten Dritter, nämlich der Steuerzahler, handelt. Denn Tirol ist das im Gefolge der Corona-Seuche am schlimmsten von Arbeitslosigkeit betroffene Bundesland; erst jüngst hat etwa der Swarovski-Konzern Massenkündigungen verkündet.

Besonders für ÖVP-Politiker ist das ein Problem; dass auch Novartis die Penicillin-Fertigung schließen wollte, war höchst unwillkommen. Da bot Corona eine Chance. Dagegen, Europas letzte Penicillin-Fertigung zu retten, lässt sich im Sanitär-Absolutismus dieser Tage nichts einwenden.

Doch ginge es wirklich nur um die hiesige Volksgesundheit, wäre ein billigerer Weg möglich gewesen. Österreich verbraucht etwa 70 Tonnen Antibiotika pro Jahr in der Humanmedizin, von denen nur ein Bruchteil Penicillin ist. Und eine Tonne des Wirkstoffes, der fünf Jahre haltbar ist, kostet am Weltmarkt rund 20.000 Euro. Selbst wenn man einen Jahresverbrauch von 35 Tonnen unterstellt, könnte man um nur 700.000 Euro diese riesige Menge einkaufen und fünf Jahre lang für Notfälle einbunkern. Die Versorgung mit Penicillin für ganz Österreich auf ein Jahr wäre sichergestellt - zu deutlich geringeren Kosten. Nur, das wäre halt politisch (Stichwort: Jobs) weniger profitabel gewesen.

Nun kann man ja ganz grundsätzlich argumentieren, dass es vernünftig sein kann, bestimmte Dinge wider die wirtschaftliche Vernunft im eigenen Land zu produzieren. Das führt allerdings dann zu deutlich höheren Kosten, damit deutlich höheren Konsumentenpreisen und oft, auch bei der Produktion von Pharmazeutika, zu ökologischen Belastungen. Das kann man wollen, nur muss man das als Politiker dem Wähler auch so erklären.