Mit ihrem jüngsten Schreiben "Die pastorale Umkehr der Pfarrgemeinde im Dienst der missionarischen Sendung der Kirche" scheint die Kleruskongregation in Rom - mit dem ausdrücklichen Segen des Papstes - den unumkehrbaren Sterbeprozess der Kirche zu einem beschleunigten Abschluss bringen zu wollen. Was wie eine provokante Aktion der Sterbehilfeorganisation "Dignitas" erscheint, ist der Kleruskongregation bitterer Ernst: Das jahrzehntelange, leidvolle Ringen der Katholiken um eine kollegiale Zusammenarbeit von Laien und Klerikern, der aussichtslose Kampf gegen die Unterversorgung durch den Priestermangel und das chancenlose Bemühen, doch noch "die Kirche im Dorf zu lassen", wird vom Papst samt seiner Entourage in Rom federstrichartig zunichtegemacht. Das kommt der "letzten Ölung" für die Kirche gleich.

Was ist geschehen? Deutsche Bischöfe haben - zweifellos aus der Not geboren - bei der freien Wirtschaft abgeschaut, wie modernes Führungsmanagement funktioniert: im Team, mit Männern und Frauen, mit Experten aller einschlägigen Fachrichtungen. Ursächlich im Priestermangel begann in den vergangenen Jahrzehnten ein wachsendes Umdenken: Auch ein Priester kann nicht alles. Er braucht - sofern er nicht an Selbstüberschätzung leidet - ein Team aus Experten in den Bereichen Verwaltung, Immobilien, Personal etc. Und selbst seine ureigene Kompetenz, die Seelsorge, schafft er nicht mehr allein, weil sein Territorium mittlerweile die Größe eines Landkreises umfasst. Diesem Sachzwang folgend, haben die deutschen Bistümer in mühevollen und langwierigen Prozessen seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962 bis 1965) Modelle erdacht, konzipiert und ausprobiert, die in jüngster Zeit zu scheinbar definitiver Anwendung gelangen sollten.

Folgenschwerer Widerspruch

Was ist von der Reformfreude des Papstes geblieben? - © afp/Vatican Media
Was ist von der Reformfreude des Papstes geblieben? - © afp/Vatican Media

Genau da, genau jetzt trifft diese deutschen Bistümer der Bannstrahl aus Rom: So geht es nicht! Die Kleruskongregation pfeift mit dem Segen des Papstes in einem unmissverständlichen Schreiben diese Reformentwicklungen zurück. An der Spitze einer Pfarre darf nur ein Priester stehen, und zwar ebenso allein wie unangefochten! Auch sei eine Zusammenlegung von Pfarren im geltenden Kirchenrecht nicht vorgesehen und damit "illegitim", wie es wörtlich heißt. Dass dies ein folgenschwerer, ja tödlicher Widerspruch ist, spielt in den Ausführungen des Vatikans keine Rolle. Betrachtet man diese - in sich konträre - theologische Argumentation politisch, so scheint es, als wolle die oberste Kirchenleitung die abtrünnige deutsche Kirche bewusst absterben lassen.

Der Kampf ist aussichtslos: Halten sich die deutschen Bischöfe an die Abmahnung aus Rom, so wird die kirchliche Bindewirkung in ihrem Sturzflug unaufhaltsam beschleunigt. Weigern sich die Bischöfe, machen sie sich des Ungehorsams schuldig und müssen vom Papst gewaltsam in die Knie gezwungen werden. Was dann kurzfristig wie (naives) Heldentum erscheint, wird die ramponierte Glaubwürdigkeit der Kirche weiter zerstören.

Aktuell sind die Kirchenaustritte ohnehin schon auf einem historischen Höchststand: Wie die Nachrichtenagentur dpa erst vor zwei Wochen meldete, sind in den vergangenen zwei Jahren in Deutschland annähernd eine Million Menschen aus der Kirche ausgetreten. Prognosen besagen, dass bis Ende dieses Jahres - auch Corona-bedingt - nochmals annähernd eine Million weitere Austritte dazukommen werden. In Österreich betrugen die Kirchenaustrittszahlen im selben Zeitraum rund 68.000. Das ist ein Anstieg um 15 Prozent zum Vorjahr. In der Schweiz lassen sich identische Tendenzen feststellen: ebenfalls bisherige Höchststände.

Verlust an Bindekraft

Die dpa meldet unter Berufung auf kirchliche Experten: Die Massenaustritte geschähen vor allem deshalb, weil die katholische Kirche zunehmend an Bindekraft verliere. Im Unterschied zu früheren Zeiten, in denen es zum "guten Ton" gehört habe, Mitglied der Kirche zu sein, und "ein Austritt soziale Sanktionen nach sich zog", sei es heute vielmehr so, dass sich der Katholik dafür rechtfertigen müsse, wenn er noch Mitglied bleibe. Insbesondere Frauen, die bisher in den Pfarren engagiert mitgearbeitet hätten, zögen zunehmend die Konsequenzen aus einer fehlenden Bereitschaft der Kirche zur Veränderung.

Das bereits schon länger spürbare Siechtum der Kirche mündet gerade in den sichtbaren und unumkehrbaren Sterbeprozess ein! Diesem - so mag es dem kritischen Beobachter erscheinen - will die Kleruskongregation ein beschleunigtes Ende bereiten. Und der einst so reformfreudige Papst Franziskus spendet die "letzte Ölung" selbst.