Welche Bedeutung Kunststoffe für unser modernes Leben haben, hat uns die Corona-Krise sehr deutlich vor Augen geführt: Der hochwertige Mund-Nasen-Schutz ist aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Auch die hygienische Verpackung von Lebensmitteln hat einen neuen Stellenwert bekommen, nachdem Wurst- und Käsetheken in Supermärkten einige Wochen lang gesperrt waren und Gastronomen ihre Mahlzeiten liefern mussten. Ganz zu schweigen von Einmalhandschuhen und sterilen Verpackungen im Gesundheitswesen. Um medizinische Produkte vor Keimen zu bewahren, sind Kunststoffe unverzichtbar.

Alfred Stern ist seit Juli 2018 Vorstandsvorsitzender des österreichischen Chemie- und Kunststoffkonzerns Borealis. Seit 2012 war er Vorstandsmitglied für den Bereich Polyolefine und Innovation & Technologie. Er hat einen PhD in Material Science und einen Master in Polymer Engineering und Science, beide von der Montanuniversität in Leoben. - © Borealis
Alfred Stern ist seit Juli 2018 Vorstandsvorsitzender des österreichischen Chemie- und Kunststoffkonzerns Borealis. Seit 2012 war er Vorstandsmitglied für den Bereich Polyolefine und Innovation & Technologie. Er hat einen PhD in Material Science und einen Master in Polymer Engineering und Science, beide von der Montanuniversität in Leoben. - © Borealis

Wo allerdings angesetzt werden muss, ist der Umgang mit Plastikabfällen, denn weltweit landet zu viel davon in der Umwelt. Uns ist daher wichtig, dass Kunststoffe am Ende ihrer Lebensdauer im Wertstoffkreislauf bleiben. Also weg vom linearen Modell der Produktion, Nutzung und Entsorgung hin zu einem echten Kreislaufmodell. Abfälle werden zum Rohstoff für neue Kunststoffe.

Das Recycling ist aufwendig und teuer. Zuerst muss der Kunststoffabfall eingesammelt, gereinigt und sortiert werden, denn nicht jede Sorte ist fürs Recycling geeignet. Corona hat die Lage nun noch einmal verschärft und die Aufbruchsstimmung gedämpft: Im Zuge der Krise ist der Ölpreis und damit der Rohstoffpreis dramatisch gesunken, Neuware ist dadurch aktuell preislich deutlich attraktiver - damit sinkt auch der Marktpreis für Rezyklate, obwohl die Herstellungskosten gleich bleiben. Dazu kommt ein Nachfrageeinbruch auf Industrieseite. Das beeinflusst die Profitabilität von Recyclingbetrieben negativ und macht Investitionen in neue Recyclinganlagen unattraktiv und unwahrscheinlicher. Diese Entwicklung trifft uns in einer kritischen Phase, denn der Anteil an rezykliertem Kunststoff ist im Vergleich noch gering, und das Potenzial wurde trotz heimischem Know-how bei weitem noch nicht ausgeschöpft.

Durch die Krise dürfen wir unsere Ziele nicht aus den Augen verlieren, denn globale Herausforderungen wie der Klimawandel bestehen nach wie vor. Borealis verfolgt weiterhin das Ziel, den ökologischen Fußabdruck durch größere Energieeffizienz und innovative Lösungen kontinuierlich zu verringern. Wird der Wertstoff am Ende seiner Lebensdauer im Kreislauf gehalten, können CO2-Emissionen weiter gesenkt werden.

Was es jetzt dringend braucht, sind gesetzliche und wirtschaftliche Rahmenbedingungen, die die Kreislaufwirtschaft fördern und gleichzeitig Innovation zulassen. Freiwilligkeit ist zu wenig. Es braucht Quoten für den verpflichtenden Einsatz von Rezyklaten und nachhaltig produzierten Kunststoffen, wirtschaftliche Bedingungen, die Investitionen ins Recycling attraktiv machen, sowie einen Schulterschluss der gesamten Industrie und Wertschöpfungsketten. Große Auftraggeber können den Wandel durch gezielte Nachfrage forcieren.

Wir werden Plastik auch in Zukunft brauchen. Wir sind dafür verantwortlich, dass es ressourcenschonend hergestellt und eingesetzt wird. Der Übergang von einer linearen zu einer Kreislaufwirtschaft erfordert die Zusammenarbeit aller Partner - nicht nur innerhalb der Branche.