Die gewonnene Präsidentschaft von 2016 war Donald Trumps Deal des Jahrhunderts. Doch die Bilanz nach vier Jahren ist verheerend: ein zutiefst gespaltenes Land, eine den Westen schwächende Isolationspolitik, eine Erosion demokratischer Institutionen, mehr als 150.000 Corona-Tote. Gemessen an den Todeszahlen, reiht sich das Corona-Desaster unter den historisch vier größten Katastrophen des Landes ein. Nur während der Spanischen Grippe, im Amerikanischen Bürgerkrieg und im Zweiten Weltkrieg gab es mehr Tote.

Oliver Cyrus ist freier Journalist und Publizist. Er schreibt regelmäßig zu Themen der internationalen Politik. - © privat
Oliver Cyrus ist freier Journalist und Publizist. Er schreibt regelmäßig zu Themen der internationalen Politik. - © privat

Ursprünglich wäre Trump mit maximal 100.000 Toten zufrieden gewesen ("guter Job"). Inzwischen trägt der Präsident, der von der Wissenschaft nichts hält, selbst eine Maske. Die drohende Niederlage im November löst bei den Republikanern eine Wagenburgmentalität aus. Doch die Grand Old Party ist kein monolithischer Block, wie unlängst der republikanische Medienberater Stuart Stevens in der "New York Times" anmerkte. Stevens, ein Top-Stratege, der schon republikanische US-Senatoren und US-Präsidentschaftskandidaten beriet, zeichnete ein düsteres Bild der Republikanischen Partei.

Auch wenn die Republikaner im Wahlkampf ihre Anhänger für Donald Trump mobilisieren, wird der Widerstand in den eigenen Reihen größer. - © getty/afp/E. Miller
Auch wenn die Republikaner im Wahlkampf ihre Anhänger für Donald Trump mobilisieren, wird der Widerstand in den eigenen Reihen größer. - © getty/afp/E. Miller

Anfänglich seien die Republikaner durchaus an Reformen interessiert gewesen, so Stevens. Doch dann kam Trump. Plötzlich waren Themen wie Minderheiten und Frauenrechte obsolet. "Jetzt konnte die Partei auch gewinnen, ohne ein Interesse für solche Themen vorzuheucheln." Dabei sind genau diese Punkte eingedenk des demografischen Wandels der USA von großer Bedeutung. Trump habe "nicht die Partei verführt", sondern er sei die Personifikation dessen, worauf sie seit fünfzig Jahren zusteuere, lautet Stevens’ Kernthese. Er geht aber noch weiter. Für ihn haben die Republikaner die rassistische Politik Trumps aktiv unterstützt. Er glaubt nicht daran, dass die "seelenlose" Grand Old Party überhaupt noch zu Reformen fähig sei. Seine vernichtende Prognose zieht Parallelen zum Schicksal der Kommunistischen Partei der ehemaligen Sowjetunion: Am Ende fehlte jegliche Basis zur Bevölkerung.

Im Grunde ist Trump
kein Republikaner

Historisch lieferte Franz von Papens Intrigenspiel gegen Adolf Hitler geradezu eine Blaupause für unheilige Allianzen. Der "schneidige Herrenreiter" (wie ihn der deutsch-britische Publizist Sebastian Haffner nannte) träumte von einer konservativen Adelsdiktatur, und Hitler schien ihm ein "nützlicher Idiot" zu sein. "In zwei Monaten haben wir ihn in die Ecke gedrückt, dass er quietscht", soll Papen gemeint haben. Wie diese fatale Fehleinschätzung ausging, ist hinlänglich bekannt.

Wenn sich dieses historische Beispiel auch kaum auf gegenwärtige Verhältnisse übertragen lässt, bleibt dennoch der Mechanismus der gleiche. Konservative glauben, dass sie in einer Koalition mit reaktionären Kräften die Lage unter Kontrolle hätten. Zu groß ist die Versuchung bequemer Mehrheiten im Parlament, und irgendwie rechnet man mit der Zähmung der nicht gesellschaftsfähigen "Trommler". Zumindest so lange, bis sich das Experiment als unbeherrschbar erweist.

Die gleiche Tragik liegt auch dem Verhältnis Trumps zu "seiner" Partei zugrunde. Diese Beziehung beruht auf Pragmatismus. Im Grunde ist Trump kein Republikaner, denn er verachtet das Establishment. Aber er gibt den Konservativen, wonach sie sich sehnen, ohne jedoch ihre Werte zu teilen. Aus dieser Kooperation entstand allmählich so etwas wie Sympathie und Zufriedenheit. Das gewachsene Fundament hielt sogar die erratischen Ausfälle des Präsidenten aus.

Stevens’ These, dass die rassistische DNA der Republikanischen Partei den Aufstieg Trumps erst ermöglicht habe, ist eher ein Ausfluss seines berechtigten Zorns als eine nüchterne Analyse. Die US-Demokraten sind erst seit den 1960ern jene politische Kraft, die quasi ein Monopol auf Themen wie Bürgerrechte und Anti-Rassismus beansprucht - in den vielen Jahren davor sah dies jedoch ganz anders aus. Auch die reine Machtpolitik ist den US-Demokraten nicht fremd. Doch Stevens irrt noch in einem weiteren Punkt, nämlich darin, dass es keinen nennenswerten Dissens zu Trump innerhalb der Grand Old Party gebe.

"Niemand mag mich" - Trumps kürzlich getätigte Äußerung spricht Bände. Im Gegensatz zum surrealen Stottern des DDR-Ministers Erich Mielke ("Ich liebe - ich liebe doch alle - alle Menschen..." entsprach Trumps Feststellung den Tatsachen. Die Unzufriedenheit mit dem Präsidenten hat längst in den eigenen Reihen Fuß gefasst. Das Lincoln Project, ein Ende 2019 von Republikanern gegründetes Komitee zur Verhinderung der Wiederwahl Trumps, lässt durch gezieltes "negative campaigning" aufhorchen. Dieser kleine Zirkel ist ein Beispiel für den wachsenden Widerstand unter den Konservativen.

Unzufriedenheit
in den eigenen Reihen

Selbst unter den Evangelikalen zeigen sich schon erste Risse, wie etwa die Schelte des evangelikalen Urgesteins und TV-Predigers Pat Robertson zeigt, dem Trumps Law-and-Order-Inszenierungen missfallen. Scharfe Kritik kommt regelmäßig von der libertären Denkfabrik Cato Institute. Protektionismus, Zölle und autoritäre Allüren sind ein rotes Tuch für jeden Libertären. Das Cato-Projekt "Sphere" in Kooperation mit der Brookings Institution, die den Demokraten nahesteht, ist ein Versuch, den überparteilichen Dialog im Land zu retten. Die US-Milliardäre Charles und David Koch (Letzterer ist mittlerweile verstorben) waren schon früh Gegner Trumps. Auf eine direkte Auseinandersetzung verzichtete man jedoch. Charles Koch meinte in einem seiner seltenen Interviews lapidar: "Ich hasse die Sünde, nicht den Sünder." Diese Ambivalenz bleibt symptomatisch für die große Masse der Republikaner. Noch ist es zu früh, die "Fehlinvestition" Trump abzuschreiben.