Schnell ist die Schändung der Hagia Sophia wieder aus den westlichen Medien verschwunden. Skandalös war dabei nicht nur das Vorgehen des türkischen Präsidenten, sondern auch die Art und Weise, wie alle Christen, nicht nur die orthodoxen, durch die westlichen Politiker schmählich im Stich gelassen wurden. Offenbar wird diese Art diktatorischer politischer Führer, Politik zu betreiben, vor allem mit dem Hinweis, es sei "keine Angelegenheit anderer Länder, sondern eine Frage der nationalen Souveränität" (Zitat: Außenminister Suchergebnisse Mevlüt Çavuşoğlu; siehe China, Nordkorea, Russland), mit ein paar halbherzigen, äußerst verhalten kritischen Wortmeldungen vom Westen hingenommen.

Alfred Friedl ist katholischer Theologe und Leiter der theologischen Bibliothek der Universitätsbibliothek Wien. - © privat
Alfred Friedl ist katholischer Theologe und Leiter der theologischen Bibliothek der Universitätsbibliothek Wien. - © privat

Wie bei vielen Gelegenheiten in der Vergangenheit bot auch Brüssel wieder einmal ein erbärmliches Bild, indem sich der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell nur ein "Bedauerlich" abringen konnte (die Nato und das Abkommen von 2016 haben offenbar einen höheren Stellenwert als eine Kirche). Für Österreichs Außenminister Alexander Schallenberg war es zwar "ein weiterer Schritt der Türkei weg von Europa", der aber ohne weitere Konsequenzen bleibt. Unesco-Generaldirektorin Audrey Azoulay äußerte "ernste Bedenken", vom UNO-Generalsekretär selbst kam hingegen nichts.

In der und rund um die Hagia Sophia finden nun muslimische Freitagsgebete statt. - © reuters/Murat Sezer
In der und rund um die Hagia Sophia finden nun muslimische Freitagsgebete statt. - © reuters/Murat Sezer

Den russischen Präsidenten Wladimir Putin, der sich gerne als Kirchenbesucher präsentiert, holte seine Vergangenheit ein (Krim, Ukraine) - er ließ damit Patriarch Kyrill und die russisch-orthodoxe Kirche mit ihrer Kritik ("Gefahr für die gesamte christliche Zivilisation") im Regen stehen. US-Präsident Donald Trump, sonst nie um eindeutige Aussagen verlegen, bekundete gegenüber dem griechisch-orthodoxen Erzbischof von Amerika nur "große Unzufriedenheit".

Bedenkt man, was die Genannten in anderen Fällen zu sagen hatten und welche Formulierungen sie gebrauchten, versteht man als Christ die Welt nicht mehr. Sind unsere Anliegen derart unwichtig geworden? Schließlich war auch der einzige Satz von Papst Franziskus, wenngleich von Vatikan-Experten als diplomatischer Aufschrei interpretiert, mehr als enttäuschend, zumal auch er zu anderen Themen sehr wohl vieles zu sagen weiß. Im Vergleich zu ihm fanden die Gelehrten der Azhar-Universität und der ägyptische Großmufti deutlichere Worte, wie überhaupt die Kritiken aus den muslimischen Reihen positiv zu würdigen sind.

Ohrfeigen auf die rechte
und auf die linke Wange

Wenn Recep Tayyip Erdoğans Entscheidung eine Ohrfeige auf die rechte Wange der orthodoxen Christen ist, dann sind die von grundlegender Unkenntnis geprägten provokativen (etwa: Man möge doch froh sein, dass in dem Gebäude überhaupt gebetet werde) und anachronistischen (etwa: In der Geschichte seien auch Synagogen oder Moscheen in Kirchen umgewandelt worden) Kommentare bestimmter (auch christlicher) Gruppierungen eine Ohrfeige auf die linke Wange. Mit Scham zu beklagen ist zudem die mangelnde Solidarität unter den Christen selbst. In Anbetracht der Gründe, wofür oder wogegen in den vergangenen Wochen unzählige Menschen auf die Straßen gegangen sind, ist die fehlende Loyalität der Christen im Westen zu jenen der orthodoxen Tradition ein Armutszeugnis.

Das "VIP-Gebet" Erdoğans war eine reine Farce, ausschließlich eine Machtdemonstration, eine schamlose Instrumentalisierung einer Religion für politische Zwecke sowie eine Brüskierung und Provokation des Christentums. Durch die früher nur islamischen Herrschern vorbehaltene Rezitation der Fatiha stellte er sich in eine Reihe mit den osmanischen Sultanen, insbesondere mit Mehmed II., dem Eroberer Konstantinopels, dessen Grab er am Ende besuchte, nicht zu vergessen das Schwert in der Hand des Diyanet-Präsidenten Ali Erbaş als Element der Thronbesteigungszeremonien osmanischer Herrscher und Zeichen der Macht. Die Aktion ist auch im Zusammenhang der gegenwärtigen antijüdischen und antichristlichen Stimmung des türkischen Islamismus zu sehen.

Der evangelikale US-Pastor Andrew Brunson, der unter falschen Anschuldigungen im Gefängnis saß und erst nach 735 Tagen im Oktober 2018 auf Druck der US-Regierung wieder freigelassen wurde, sieht in seiner Inhaftierung eine deutliche Kampfansage an die Christen in der Türkei, zumal Erdoğan mehrfach deutlich gemacht hat, dass ein Türke nur ein Muslim sein könne. Dementsprechend stehen Christen der türkischen Einheit unter dem Islam im Weg und werden von den Anhängern des politischen Islam als Zerstörer der Türkei angesehen, was sie zu Zielscheiben tätlicher Übergriffe macht.

In der Mai-Sonderausgabe der regierungsnahen Zeitschrift "Gerçek Hayat" wurde unter dem Titel "100 Jahre Fetö: die bösartigste Terrororganisation der Welt" in einer rassistischen Hetzkampagne behauptet, die (Vor-)Geschichte der Fethullah-Gülen-Bewegung habe jüdisch-christliche Wurzeln, weshalb Juden wie Christen als Mitverschwörer des gescheiterten Putsches vom Juli 2016 diffamiert werden, wobei namentlich Oberrabbiner Ishak Haleva, der ökumenische Patriarch von Konstantinopel, Bartholomaios I., der armenisch-apostolische Patriarch von Konstantinopel, Schnork I. Kalustjan (1990) sowie Papst Johannes Paul II. (2005) genannt und abgebildet werden.

"Die Verfolgung
kommt erst noch"

Etwa gleichzeitig mit dieser Publikation verübte ein angeblich "geistig Verwirrter" einen Brandanschlag auf eine armenische Kirche in Istanbul, weil von ihr aus das Coronavirus in die Türkei gekommen sei. An andere Kirchen der Stadt schmierten Unbekannte Todesdrohungen. Pastor Brunson resümiert: "Ich kenne türkische Geistliche, die sich bereits auf eine Christenverfolgung vorbereiten. Und ich gebe ihnen recht: Die Verfolgung kommt erst noch."

Das Schwert in der Hand von Erbaş ist als Waffe während des Gebetes primär eine Provokation und erhält vor dem Hintergrund wiederholter Aussagen Erdoğans eine ganz spezifische Konnotation: In einer seiner Attacken gegen die "armenischen oder griechischen Lobbys" kündigte er am 4. Mai an, die Behörden würden die Aktionen der "Terroristen" blockieren, die "dem Schwert entkommen", aber noch im Land aktiv seien: Im Türkischen wird die Formulierung "klç artğ" als Beleidigung jener verstanden, die den türkischen Völkermord an armenischen, griechischen und syrischen Christen während des Ersten Weltkrieges überlebt haben.

In der Türkei herrscht
kein Mangel an Moscheen

Nachdem bereits im Vorjahr der Museumsstatus der wegen ihrer Fresken und Mosaike einzigartigen Chora-Kirche aufgehoben wurde, wird eine weitere Umwandlung erfolgen, wie dies bereits im Jahr 2011 mit den Hagia Sophia von Iznik (Ort der beiden ökumenischen Konzilien von Nicäa) und im Jahr 2013 in Trabzon (eine eingezogene Zwischendecke verdeckt bereits die christlichen Heiligendarstellungen) geschah.

Da es keinen akuten Moscheenmangel in der Türkei gibt, hätte die türkische Regierung den angeblichen friedenstiftenden Charakter des Islam (Sure 2,224) auf andere Weise demonstrieren können. Und wäre der türkische Präsident ein wahrer Staatsmann und Muslim, hätte er dem ökumenischen Patriarchen seine Bischofskirche in einer großzügigen Geste zurückgeben können. Wie würden wohl die islamische Welt, die UNO, die EU beziehungsweise der Westen sowie gewisse Gruppierungen reagieren, würde Israel den Tempelberg zur jüdischen Gebetsstätte erklären? Wären sie froh, dass dort überhaupt gebetet würde, und würden sie dies als innere Angelegenheit des Staates Israel akzeptieren?