Quer durch Europa werden tschetschenische Dissidenten ermordet, zuletzt in Österreich. Der Mord an Mamikhan Umarov Anfang Juli in Gerasdorf bei Wien ist der vorläufig letzte in einer langen Reihe grausamer Tötungen. Die Spur führt jedes Mal nach Moskau beziehungsweise Grosny. Europa muss handeln. Russland geht zu weit. Internationale Grenzen beeindrucken die Führung in Moskau nicht. Schon Lenin ließ Kritiker der Bolschewiken in Europa vom Geheimdienst exekutieren.

Zur Erinnerung: Umarov war vor dem Regime seiner Heimat Tschetschenien nach Österreich geflohen, wo er aus seinem Hass auf Machthaber Ramzan Kadyrow nie ein Hehl machte. Regelmäßig überschüttete er auf seinem YouTube-Channel den tschetschenischen Herrscher von Moskaus Gnaden mit Vorwürfen. Dabei konnte er sich über mehrere hunderttausend Follower freuen. Gleichzeitig berichtete er mehrfach von Drohungen gegen seine Person. Unter Exil-Tschetschenen kursierten Nachrichten, dass ein Kopfgeld von bis zu 20 Millionen Euro auf ihn ausgesetzt sei - mutmaßlich von Vertretern des Regimes in Tschetschenien. Nun befinden sich zwei Männer, ebenfalls Tschetschenen, in Untersuchungshaft. Vieles deutet auf einen Auftragsmord hin.

15 Jahre mit eiserner Faust

Seit 15 Jahren herrscht Kadyrow in Tschetschenien mit eiserner Faust. Zahlreiche Tschetschenen flohen seither vor Verfolgung und Folter aus dem Land. Rund 35.000 leben mittlerweile in Österreich. Sollte Kadyrow selbst hinter dem Mord stecken, würde dies bedeuten, dass Moskau seinen Vasall nicht unter Kontrolle hat und das Morden duldet. Ein Blick auf die vergangenen Jahre zeigt freilich: Auch Moskau selbst scheint vor Attentaten auf Tschetschenen nicht zurückzuschrecken:

Im September 2011 wurden drei Tschetschenen in Istanbul ermordet. Russland hatte sie zuvor des Terrorismus beschuldigt. Laut türkischen Behörden steckten hinter dem Mord russische Agenten, die nach dem Attentat schnell das Land verließen.

2014 berichtete der frühere tschetschenische Separatist Said-Emin Ibragimov, dass er in Straßburg entführt und gefoltert wurde. Er vermutete russische Geheimdienstler hinter der Tat, die Rache für Ibragimovs Vorwürfe gegen den russischen Präsidenten Wladimir Putin wegen der Kriegsverbrechen im zweiten Tschetschenien-Krieg üben sollten.

2009 wurde der ehemalige Leibwächter Kadyrows, Umar Israilow, in Österreich ermordet. Israilow hatte vor Gericht als Zeuge über Folter und Auftragsmorde Kadyrows aussagen wollen und wurde in Wien auf offener Straße von einem Tschetschenen erschossen. Dieser Mord weist viele Parallelen zur Bluttat Anfang Juli auf.

Im August 2019 wurde der Exil-Tschetschene Zelimkhan Kangoshvili am helllichten Tag im Berliner Kleinen Tiergarten erschossen. Die deutsche Bundesanwaltschaft erhob mittlerweile Anklage gegen den mutmaßlichen Mörder, einen russischen Staatsbürger namens Vadim Krasikov, der sich bei seiner Festnahme kurz nach der Tat noch als Vadim Sokolov auswies. Diese Identität entpuppte sich als höchstwahrscheinlich gefälscht. Der Täter stand im Vorfeld des Mordes eng im Austausch mit einem Verein ehemaliger Angehöriger einer Eliteeinheit des russischen Inlandsgeheimdienstes.

Ende Jänner 2020 wurde der tschetschenische Dissident Imran Alijew in einem Hotelzimmer im nordfranzösischen Lille tot aufgefunden. Stichverletzungen an Hals und Brust belegten einen grausamen Mord. Der Blogger hatte so wie Umarov das Regime in Tschetschenien scharf attackiert.

Im Februar 2020 konnte in Schweden Tumso Abdurakhmanov, ein weiterer tschetschenischer Kritiker von Kadyrows Regime, einem nächtlichen Attentat mit einem Hammer gerade noch entkommen. Zwei Russen befinden sich seither in Haft. Abdurakhmanov attackierte ebenfalls in seinem Blog die tschetschenische Regierung.

Großbritannien als Vorbild

Man sieht: Hinter einigen Attentaten steht mutmaßlich Moskau selbst, bei anderen führt die Spur eher zum vom Kreml gestützten tschetschenischen Diktator Kadyrow. So oder so: Europa muss dem Kreml klarmachen, dass sein Boden kein Kriegsschauplatz für Rache- und Einschüchterungsaktionen des russischen Geheimdienstes sein darf. Ein Beispiel könnte man sich an der scharfen Reaktion Großbritanniens nach dem Mordversuch am Ex-Doppelagenten Sergej Skripal im März 2018 nehmen.