"Eine Krise ist über uns hereingebrochen, manche haben es mit einem Tsunami verglichen. Wahrscheinlich, ohne selbst jemals einen erlebt zu haben. Es wurde aber auch so kommuniziert. Binnen weniger Tage, aus dem Skiurlaub zurückkehrend, bin ich, sind viele von uns aus allen Wohlstandswolken gefallen. In eine Krise, wie sie die Nachkriegsgeneration seit 75 Jahren nicht erlebt hat. Unvorbereitet standen und stehen Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und jeder Einzelne einer Herausforderung gegenüber, mit der wir erst langsam umzugehen lernen. Dieses Lernen für die Zukunft, das konstruktive Gestalten dieser Zukunft hat meine Arbeit als empirischen Sozialforscher seit jeher geprägt.

Peter Zellmann ist Erziehungswissenschafter und leitet das Institut für Freizeit- und Tourismusforschung in Wien (www.freizeitforschung.at). - © www.freizeitforschung.at
Peter Zellmann ist Erziehungswissenschafter und leitet das Institut für Freizeit- und Tourismusforschung in Wien (www.freizeitforschung.at). - © www.freizeitforschung.at

Nach der anfänglichen Schockstarre setzte zeitverzögert da und dort kritisches Nachdenken ein. Diesen Prozess zu beschreiben, war mir bald ein Anliegen. Waren die verordneten Maßnahmen in dem gewählten Ausmaß notwendig und daher richtig? Wie haben sie auf die Menschen im Alltag gewirkt? Wurden die wirtschaftlichen Konsequenzen genügend bedacht? Von Kollateralschäden war da und dort immerhin von Anfang an die Rede."

Mehr Tests bedeuten natürlich auch mehr positiv Getestete. - © apa/Gindl
Mehr Tests bedeuten natürlich auch mehr positiv Getestete. - © apa/Gindl

Mit diesen Worten der ehrlich empfundenen Betroffenheit habe ich mein "Protokoll eines Blindflugs" (Manz 2020) über die Corona-Krise eingeleitet. Ab Mitte März standen die Politikerinnen und Politiker unter enormem Druck. Man hatte vom Ausmaß und der Gefährlichkeit der Pandemie keine Ahnung. Die Verantwortung war enorm. Unter diesem Aspekt sollten die ersten drei Wochen und die in dieser Phase beschlossenen Maßnahmen außer Diskussion stehen.

Seit Ostern, etwa ab Mitte April, ging es dann um die kurz-, mittel-, und bald auch langfristige Zukunft. Damit setzte auch die Diskussion um die Vorgangsweise der Politik ein. In einer entwickelten Demokratie sollte das als normaler Prozess aufgefasst werden. Verantwortung der Politik für die Bevölkerung einerseits und vertretbares Maß der Eigenverantwortung der Bevölkerung andererseits standen und stehen dabei im Zentrum aller Überlegungen.

Thematische und politische Polarisierung der Argumente

Die im Laufe dieser Diskussion geäußerten Vorbehalte namhafter, seriöser Wissenschafter wurden aus meiner Sicht aber zu wenig unvoreingenommen diskutiert. Dadurch entstand eine thematische und bald auch politische Polarisierung der Argumente, die eine vernünftige, objektive Beurteilung und Lösung der Krisenbewältigung fast unmöglich macht.

Die wichtigsten zu beachtenden Punkte sind dabei wohl folgende: Noch nie hatten wir bei einer Influenza (Corona-ähnlichen) Infektion getestet. Es fehlen daher vor allem verlässliche Vergleichszahlen. Mit der großen Zunahme an Testungen müssen automatisch auch von Tag zu Tag positiv Getestete neu dazu kommen. Auch dann, wenn die Infektionsverbreitung insgesamt abnimmt, wie manche Fachleute statistisch nachweisen. Das Virus wird und kann nicht verschwinden, nicht eine zweite, sondern eine "Dauerwelle" ist daher zu erwarten. Diese richtig einzuordnen, tatsächlich gefährdete Personen zu schützen, ohne die Wirtschaft nachhaltig zu gefährden, die psychischen Folgeschäden für manche Betroffene mit zu beachten, ist keine Entscheidung des "Entweder oder", schon gar keine parteipolitische, sondern eine der unaufgeregten Vernunft. Dazu könnte das "Protokoll" beitragen.

Bei allzu großer Einigkeit
ist Skepsis angebracht

Es war immer schon meine Überzeugung, und auch für die Corona-Krise gilt: Es ist alles Gescheite, alles Richtige bereits gesagt oder geschrieben worden. Es wurde nur nicht immer gesucht, und daher wurde manches Kluge vielleicht gar nicht entdeckt. In der digitalisierten Welt der Informationsüberflutung wird es nun noch weniger wahrgenommen, ist es noch schwerer zu entdecken.

Besonders dann:

Wenn sich "alle" (wer sind die eigentlich?) einig sind.

Wenn es gelungen ist, Medien auf Regierungskurs einzuschwören. Eine vertrauliche, interne Pressekonferenz ist taktisch großartig - die Chefredakteure werden zu überzeugten, verschworenen Mitstreitern.

Wenn die "Message Control" den öffentlich-rechtlichen Rundfunk erreicht hat.

Wenn jede, auch wissenschaftlich argumentierte, aber abweichende Meinung als "Fake News" bezeichnet wird.

Keine Frage: "Wir" können "es" nicht wissen. Aber wir sollten immer dann besonders skeptisch sein, wenn sich alle bekannten, prominenten Meinungsbildner sich einig sind. Wenn der Diskurs ausfällt, ja sogar verboten wird. Dann sind der eigene Hausverstand und das Selbstbewusstsein eventuell ein besserer Ratgeber als die veröffentlichte Einheitsmeinung. Das könnten wir aus der Geschichte, von totalitären Regimen, links wie rechts, gelernt haben. Spätestens und "hautnah" jetzt in der Corona-Krise.

"Survival of the fittest", die verkürzte Botschaft der Evolutionstheorie, bedeutet jedenfalls selten, "mit den Wölfen zu heulen". Vielmehr ist eventuell Bertolt Brechts Warnung ernst zu nehmen: "Nur die dümmsten Kälber wählen sich ihre Schlächter selber." Nicht immer, aber "in Zeiten wie diesen" immer öfter.

Das Virus kann gar nicht verschwinden

In der Berichterstattung wird oft immer noch nicht klar zwischen "positiv getestet" (ist nicht gleich krank), "eindeutig infiziert" (eindeutiger Sars-CoV-2-Nachweis) und "eindeutig mit Symptomen erkrankt" (Covid-19) unterschieden. Die wirklich schweren Fälle (etwa 10 Prozent der tatsächlich mit Symptomen Erkrankten) bleiben vorerst in etwa stabil. Unser Gesundheitssystem könnte, verglichen mit dem Höhepunkt der Pandemie am 26./27. März und der darauffolgenden gemachten Erfahrung, ein Vielfaches an schwer Erkrankten und daher ein Vielfaches an positiv Getesteten verkraften. Die Intensivbetten waren schon damals bei weitem nicht ausgelastet.

Das Virus kann gar nicht verschwinden, durch keine Maßnahme. Es wird uns noch lange begleiten und uns nur im individuellen Ausnahmefall ernsthaft gefährden. Das meinen jedenfalls jene Experten, auf die man bisher nicht hören wollte. Wenn die Regierung so weitermacht, den echten Dialog mit Kritikern meidet und im "Blindflug-Modus" bleibt, werden neuerlicher Lock- und Shutdown nicht zu vermeiden sein. Vielleicht ändert sie ihre Corona-Einsichten aber auch.